Schatten der Vergangenheit

Schatten der Vergangenheit…

Die Dinge, die wir in unserer Kindheit erlebt haben, haben uns geprägt und begleiten uns auch noch in unserem Erwachsenen Leben. Es sind Dinge, die uns wiederfahren sind, derer wir uns vielleicht gar nicht mehr bewusst sind oder wir sind es doch und können nicht loslassen und verzeihen, weil wir nicht wissen wie und wie wir damit umgehen können. Sie sind die Schatten unserer Vergangenheit und in jedem Fall begleiten sie uns in unserem heutigen Leben und sind die Ursache so mancher Probleme in unseren Liebesbeziehungen, da viele Menschen bewusst oder unbewusst von dem Partner erwarten, er möge ihre Wunden heilen und ihnen das zu Teil werden lassen, was ihnen als Kind gefehlt hat. Zumeist und in erster Linie ist das die Liebe, die wir von unseren Eltern nicht erhalten haben.

Es sind oft Dinge und Situationen aus unserer Vergangenheit, in denen wir uns hilflos und machtlos einem anderen, oft erwachsenen Menschen ausgesetzt gefühlt haben, die heute immer noch unser Denken und Handeln bestimmen. Manchmal erinnern wir uns an diese Dinge gar nicht mehr und fragen uns nur, warum unsere zwischenmenschlichen Beziehungen so problematisch zu sein scheinen. Wir sehen vielleicht bei anderen, dass es so viel anders und besser läuft und fragen uns, warum uns das nicht auch gelingt, was ganz zwangsläufig zu der Schlussfolgerung führt, dass es an uns liegen muss, dass wir nicht richtig sind und das mit uns etwas nicht stimmt. Einige Menschen leben jedoch auch zu sehr in ihrer Vergangenheit. Sie haben die Taten anderer nicht vergessen, doch auch sie werden von diesen in ihrem derzeitigen Leben beeinflusst und sogar qualvoll heimgesucht. Es sind zumeist Dinge, die uns haben Schmerz fühlen lassen und die in uns ein Gefühl der Ohnmacht auslösten. So sind wir sehr darum bemüht, dafür zu sorgen, dass uns heute so etwas nicht mehr wiederfahren kann. Wenn es uns jedoch nicht gelingt, andere Menschen davon abzubringen uns genauso schlecht zu behandeln, dann spüren wir diese Ohnmacht erneut und glauben, dass wir einfach nichts dagegen tun können. Doch das ist nicht wahr.

Es geht nicht darum in der Vergangenheit zu leben und all diese Dinge immer und immer wieder vor unserem geistigen Auge erneut zu durchleben. Wenn wir die Vergangenheit in einer gewissen Weise nicht loslassen können, werden wir immer eine tiefe Traurigkeit spüren und sogar Wut und Hass den Menschen gegenüber, die uns all das angetan haben. Wut und Hass werden uns auffressen, wir fangen an uns selbst zu bemitleiden und glauben, dass wir für all das Elend, dass wir heute erleben nicht verantwortlich sind. Wir geben anderen Menschen die Schuld daran, dass wir uns schlecht fühlen. Wir sagen, dass sie kein Recht haben so mit uns umzugehen, uns schlecht zu behandeln und verstehen nicht, dass nur wir allein die Macht haben daran etwas zu ändern. Wir verurteilen, kritisieren, nörgeln, kontrollieren, werden wütend, manipulieren und versuchen in vielen verschiedenen Formen Macht auszuüben, um diese Dinge nicht immer und immer wieder durchleben oder in verschiedenen Formen neu erleben zu müssen. Doch ist es so, dass wir die Verantwortung für uns selbst übernehmen müssen. Wir müssen verstehen, dass in unserem Erwachsenen Dasein niemand mehr die Macht hat uns neue Verletzungen zuzufügen. Das was wir spüren und da wo wir glauben jemand anderes würde uns Schmerz zu fügen, da spüren wir nur den Schmerz, den wir als Kind erfahren haben in einer Situation in der wir uns nicht wehren konnten, der wir uns hilflos ausgeliefert fühlten und glaubten es über uns ergehen lassen zu müssen, ohne dabei etwas tun zu können.

Eine meiner Klientinnen gestattete mir ihre Geschichte als Beispiel zu erzählen. Ich nenne sie Sarah. Sarah war ein sehr aufgewecktes und neugieriges Kind. Sie tobte gern herum, spielte viel und war doch recht wild. In ihrer Kindheit sagten ihr viele Erwachsene, sie würde sich wie ein Junge benehmen, da sie auf Bäume kletterte und nie mit Puppen spielte. Sie liebte all die Dinge, die Jungen eben gern taten, hatte aber mit dem Kram, (wie sie es nannte), den Mädchen so machten recht wenig am Hut. Ihre Eltern trennten sich, als sie vier Jahre alt war und ihre Mutter begann zu trinken. Ihre Mutter wurde durch den Alkohol zu einer sehr aggressiven Person, die jedoch auch unter Depressionen und ständigen Gefühlsschwankungen litt. An die Trennung ihrer Eltern hatte Sarah keine Erinnerungen mehr. Sie wurde von ihrer Mutter ständig geschlagen, herumkommandiert und beschimpft und musste zu Hause alle möglichen Arbeiten verrichten. Ihre Mutter war oft lieblos, sagte ihr furchtbare Sachen und schrie sie an. Sie musste mit ansehen, wie ihre Mutter ständig weinte und ihr die Schuld an ihrer Traurigkeit gab. Sarah hatte ständig das Gefühl an allem Leid ihrer Mutter Schuld zu sein und glaubte, wenn es sie nicht gäbe, dann würde es der Mutter besser gehen. Also lief sie weg. Sie ging zu ihrem Vater, der sie nicht haben wollte und sie zu ihrer Mutter zurück brachte, was sie als Kind überhaupt nicht verstand. Sie konnte sich das nur so erklären, dass auch er sie nicht haben wollte, weil er sie einfach nicht genug liebte. Sie fühlte sich hilflos und allein gelassen, da sie glaubte nirgendwo einen Platz zu haben, an dem sie geliebt werden würde. Den ersten Übergriff sexueller Handlungen erlebte Sarah als sie zehn Jahre alt war. Es war ein Mitglied ihrer Familie, dass nachts in ihr Zimmer kam und sich zu ihr ins Bett legte. Sarah wusste nicht, was da eigentlich vor sich ging und so tat gar nichts. Sie ließ alles einfach geschehen doch sie empfand Ekel und spürte große Angst. Als sie 12 Jahre alt war, war es ein Freund der Familie, der sie dazu nötigte, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollte. Doch Sarah war jetzt etwas älter und verstand bereits, dass es nicht richtig war. Also ging sie zu ihrer Mutter und erzählte ihr davon. Doch ihre Mutter glaubte ihr nicht und so blieb Sarah alleingelassen voller Schuld und Scham zurück und glaubte, dass sie selbst dafür verantwortlich gewesen wäre. Einige Zeit später lernte sie einen Mann kennen, der zwanzig Jahre älter war als sie. Er kümmerte sich um sie und sagte ihr, er würde sie lieben. Sie hatte sich so lange danach gesehnt von irgendeinem Menschen geliebt zu werden, dass sie sich nicht vorstellen konnte, er würde sie belügen. Sie war noch viel zu naiv und unreif, um die Dinge zu verstehen und es gab keine Mutter, mit der sie hätte reden können und die ihr all das erklärt hätte. Sie lief von zu Hause weg und ging zu diesem Mann. Ihm ging es jedoch nur darum ein so junges Mädchen auf die Liste seiner Eroberungen setzen zu können und auch ihm ging es nur um Sex. Als sie wieder nach Hause kam, erwartete sie nur Verachtung und ihre Mutter machte ihr große Vorwürfe. Einige Zeit später fing ihre Mutter etwas mit einem Arbeitskollegen an, der verheiratet war. Seine Frau war die Sekretärin in der Schule, auf die Sarah ging. Sie war eine sehr nette und fürsorgliche Frau, die selbst ein Kind hatte, dass so ziemlich in Sarahs Alter war. Sarah begegnete ihr jeden Tag und musste dieses schreckliche Geheimnis und alles was sie es als Kind dabei empfand für sich behalten. Es gab niemanden, dem sie alles hätte erzählen oder mit dem sie hätte darüber reden können. Da Sarah nun mitten in der Pubertät steckte und sich gegen alles in ihrem Leben zu wehren versuchte, kam es oft vor, dass sie lieber bei Freunden blieb, als nach Hause zu gehen. Oft blieb sie tagelang weg. Aber auch wenn sie mit ihren Freunden zusammen war, lief eigentlich gar nichts wirklich freundschaftlich. Sarah hatte in der Zwischenzeit gelernt, dass Sex dazu diente die Liebe und Zuwendung anderer Menschen zu bekommen und sich nicht mehr ganz so allein zu fühlen. Sarah war überwiegend mit Jungs befreundet, da sie schon als kleines Kind nichts mit Mädchen anfangen konnte. Und so verbrachte sie, auch wenn sie weggelaufen war, ihre Zeit mit den Jungs in ihrem Alter. Manchmal waren es zwei Jungs gleichzeitig, die mit ihr schlafen wollten. Sie fühlte sich nicht besonders wohl dabei, doch wehrte sie sich nicht, da sie Angst davor hatte, wieder allein dazustehen oder dass die Jungs sie nicht mehr mögen würden, wenn sie nicht mitmachte. Wenn sie nach einiger Zeit dann wieder nach Hause kam, wurde sie entweder von ihrer Mutter oder ihrem neuen Freund dafür geschlagen, dass sie tagelang weggeblieben war. Niemals sah sie, dass ihre Mutter froh oder erleichtert war, dass sie wieder da war. Eines Tages kam Sarah von der Schule nach Hause und ihre Mutter war nicht mehr da. Sie hatte sich nach so vielen Jahren dazu entschlossen eine Therapie zu beginnen und in den Alkoholentzug zu gehen. Doch sie hatte nichts gesagt, hatte sich nicht verabschiedet, sondern war einfach ohne ein Wort weggegangen. Sarah wusste nicht, ob sie jemals wiederkommen würde oder ob sie ihre Mutter überhaupt wiedersehen würde, doch sie war auch irgendwie erleichtert. Damals war ihr noch nicht klar, dass diese Tatsache die Ursache dafür sein würde, dass sie sich eifersüchtig und klammernd in ihren Partnerschaften verhielt, weil sie große Angst davor hatte verlassen zu werden und dass sie aus dieser Angst heraus Dinge über sich ergehen lassen würde, zu denen viele andere Menschen einfach Nein gesagt hätten.

Ihre Oma und ihre Onkel waren jetzt da, um sich um sie zu kümmern und Sarah glaubte, dass jetzt alles besser werden würde. Einige Zeit war das auch so, bis alles von vorn begann uns sie auch von ihren Verwandten beschimpft, gedemütigt und geschlagen wurde. Sarah sah damals die Zusammenhänge noch nicht und verstand nicht, dass sie nun erlebte, was zuvor ihre Mutter als Kind erlebt hatte und das sie deshalb nicht anders mit ihr hätte umgehen können. Ihre Mutter konnte nicht liebevoll und fürsorglich sein, da sie all das selbst auch nie erfahren hatte und genau wie Sarah hatte sie als Kind sehr unter der Lieblosigkeit ihrer Mutter gelitten.

Als Sarah erwachsen wurde und ausgezogen war, konnte sie nie alleine sein und begann eine Beziehung nach der anderen. Sie wurde verlassen oder betrogen, es gab Gewalt, Demütigungen und Herabsetzungen und als sie schwanger wurde, konnte sie überhaupt nicht verstehen, dass es Männer gab, die mit ihrem eigenen Kind nichts zu tun haben wollen. Es waren Spielsüchtige dabei, Alkoholiker oder Männer, die nur das schnelle Abenteuer suchten und auf alles ließ sie sich ein, um dann enttäuscht, verletzt und wütend zurück zu bleiben. Manchmal hatte sie Sex mit Männern, ohne in einer Beziehung zu sein, ohne irgendetwas für sie zu empfinden, einfach um das Gefühl des Alleinseins nicht zu fühlen und in der Annahme, dass es dadurch für sie einfacher würde und es ihr besser ginge. Sie spürte eine große Leere in sich und glaubte diese durch Sex füllen zu können.

handy 1869

Als Sarah zu mir kam, wusste sie jedoch von all den Schatten ihrer Vergangenheit nichts mehr. Sie hatte einfach alles vergessen, wie sie glaubte. Sie glaubte schon vor vielen Jahren mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen zu haben und sie war der Meinung, dass heute alles ganz anders wäre. Sie wollte sich an nichts erinnern, da sie sich nicht vorstellen konnte, in welchem Zusammenhang das mit ihrem heutigen Leben stehen könnte. Dabei war es ihr Ego, dass in all den Jahren dazu diente sie zu schützen und alles was sie hätte fühlen müssen, nicht fühlen ließ. Ihr Ego hatte sie all die lange Zeit glauben lassen, es könnte zu schmerzhaft für sie sein und es wäre besser nicht in der Vergangenheit zu graben.

Sarah befand sich heute als erwachsene Frau in einer Beziehung mit einem Mann, den sie sehr liebte. Doch auch diese Beziehung war geprägt von ständigen Höhen und Tiefen und vielen Problemen, die ihr sehr zu schaffen machten. Sie wollte gern wissen, warum das so war und ob es etwas gäbe, dass sie tun könnte, um daran etwas zu ändern. Ihr wurde bewusst, dass bisher all ihre Beziehungen so kompliziert verliefen und sie glaubte, sie wäre schuld daran. So oft hatte sie versucht jemand anderes zu sein in der Hoffnung alles um sie herum würde sich dann ändern und so auch die Menschen in ihrem Leben. Sie begann also mit mir gemeinsam an all dem zu arbeiten, weil sie endlich glücklich sein wollte und dazu gehörte für sie auch eine glückliche und harmonische Partnerschaft, mit dem Mann an ihrer Seite, den sie liebte.

Erst als Sarah sich an alles wieder erinnerte und begann mit diesen Erinnerungen und Erfahrungen zu arbeiten, verstand sie, dass sich die Geschichte ihrer Kindheit durch ihr ganzes bisheriges Leben gezogen hatte, ohne dass ihr das je bewusst gewesen wäre. Den sie glaubte ja mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Sie verstand nun das erste Mal, welche Rolle alles erlebte in ihrem Leben spielte und dass sie sich Männern gegenüber immer noch als das kleine hilflose Mädchen sah, dass nichts dagegen tun könnte, wenn diese sie schlecht behandelten und nicht gut zu ihr waren. Sie verstand auch, dass sie in Männern eigentlich ihren größten Feind sah, was dazu führte, dass sie ständig kämpfte. Auch ihre Beziehung war geprägt von Machtkämpfen und Sarah tat alles, um dem anderen klar zu machen, dass er das was er tat nicht tun dürfe, doch oft mit wenig Erfolg. Sie fragte sich oft, warum sie einerseits die Nähe ihres Partners so sehr wollte und sich an anderer Stelle so sehr dagegen sträubte. Oft wies sie ihn zurück, wollte nicht angefasst werden oder empfand seine Zuneigung und Zuwendung als einengend und kontrollierend. Manchmal empfand sie bei seinen Berührungen Ekel und konnte sich das nicht erklären, da sie wusste, dass sie ihn liebte. Wenn sie miteinander schliefen, lag sie danach manchmal da und weinte heimlich. Sie wusste jedoch nicht warum. Erst als sie sich mit all den Dingen aus ihrer Vergangenheit befasste und verstand, dass sie heute nicht mehr dieses kleine hilflose Mädchen war, dass sie sich gegen niemanden mehr wehren oder kämpfen musste, konnte sie auf ihren Mann mit einer Offenheit zu gehen, die sie zuvor gar nicht kannte. Sie begann langsam ihre Sichtweise der Dinge zu verändern, sie wurde sich ihrer Glaubenssätze bewusst und ihr war klargeworden, dass sie selbst bestimmen konnte, was sie wollte und was nicht und dass sie nichts mehr aus reinem Gefallen tun müsse, nur um die Liebe ihres Mannes nicht zu verlieren. Sarah hatte in unserer Arbeit angefangen den Schmerz ihrer Kindheit und den, des verlassenen Kindes noch einmal zu durchleben, was oft nicht leicht für sie war. Doch nur auf diese Weise konnte es ihr gelingen von allem loszulassen und zu verzeihen und sie konnte erkennen, was von all dem, dass sie heute als erwachsene Frau tat, eigentlich die Taten und das Denken des kleinen Mädchens von früher aus genau dieser Perspektive sind. Auf diese Weise entstand für sie Veränderung für sie selbst und auch in ihrer Liebesbeziehung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: