Nur eine Meinung zählt?

Die Meinung anderer…

Wenn wir in Konflikt oder Auseinandersetzungen mit anderen geraten, prallen in solchen Situationen zwei Meinungen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wäre das nicht der Fall, gäbe es diese Konflikte nicht. Jeder möchte gern seinen Standpunkt darstellen, in der Erwartung, der andere möge das doch nachvollziehen, verstehen und einsehen. Oder es tritt jemand an uns heran, der mit genau diesem Wunsch versucht das Problem aus der Welt zu schaffen.

Besonders in unseren Liebesbeziehungen haben unterschiedliche Ansichten und Meinungen hohes Konfliktpotential und führen im Allgemeinen zu heftigen Streitdiskussionen, aus den nicht selten beide Partner enttäuscht und wütend heraus gehen, ohne dabei auch nur einen Schritt weiter gekommen zu sein.

Nun ist es ja utopisch anzunehmen, es können derartige Situationen vermieden werden. Zu verschieden sind die Menschen in ihren Erfahrungen, Werten, in ihrem Denken und handeln. Es ist unmöglich, dass wir immer derselben Meinung sind, wie die anderen und Menschen, die anderen immer zum Mund reden, sind weder sich selbst noch anderen gegenüber aufrichtig und ehrlich. Vielleicht haben sie auch nicht genügend Selbstbewusstsein, um sich ihre eigene Meinung zu bilden und lassen sich so sehr leicht von der Meinung anderer beeinflussen und sehen diese dann als die richtige und einzig wahre an.

Es gibt jedoch auch Menschen, die so von sich eingenommen und überzeugt sind, dass sie gar keine andere Meinung gelten lassen, außer der ihren. Sie glauben, alles was sie sagen und tun, sei gut und richtig und jeder der etwas anderes behauptet, wäre im Unrecht und hätte das eigentliche Problem. Sie selbst jedenfalls haben sich nichts zu Schulden kommen lassen und für sie gibt es auch gar keinen Grund sich über irgendetwas anderes Gedanken zu machen. Wenn man einen solchen Typ Menschen vor sich hat, dann ist eine Konfliktlösung im ersten Moment nicht möglich und fraglich bleibt auch, ob sich diese Person eventuell doch noch von ihrem Standpunkt abbringen und zumindest ein wenig Verständnis und Einsicht zeigen wird.

Egal aus welcher Situation heraus, ob Konflikte in der Partnerschaft, mit den Kollegen oder dem Vorgesetzten oder in der Familie. Nur weil sich zwei unterschiedliche Meinungen gegenüber stehen und wir unsere im ersten Moment nicht akzeptiert oder verstanden wissen, müssen wir uns deshalb keinesfalls herabgesetzt und klein fühlen. Das ist nämlich das, was in der Regel geschieht, wenn ein Konflikt durch ein Gespräch oder den Austausch von Standpunkten und Meinungen nicht zu lösen ist. Wir machen uns klein, fühlen uns wertlos und glauben wir sind nicht wichtig genug, da wir in dem Gesagten nicht ernst genommen worden sind. Wir fühlen uns herabgesetzt und glauben der andere würde über uns stehen, da er beharrlich auf seinem Standpunkt bestehen bleibt. So reden wir uns ein, dass wir es nicht wert sind, denn wäre das der Fall, würde sich unser Gegenüber ja anders verhalten.

Doch das ist so nicht richtig und schon gar nicht dieser Film, der sich in unseren Gedanken dann abspielt. Zuerst einmal müssen wir lernen auf unsere eigene Meinung und Sichtweise keine Allgemeingültigkeit zu erheben. Unsere Sichtweise beruht auf unseren Erfahrungen, Werten und Einstellungen. Ein anderer erlebt diese Situation völlig anders, wobei die Situation dieselbe ist. So kommt er dazu sich eine völlig andere Meinung zu bilden und diese auch zu vertreten. Wer sagt denn jetzt was richtig und falsch ist? Wer spielt sich zum Richter und Herrscher über das Individuum Mensch auf und sagt ihm, was an seinem Denken nicht richtig sein soll? Eigentlich kann das niemand und niemand möchte das auch von einem anderen vorgelebt bekommen.

Das heißt jedoch nicht, dass wir keine eigene Meinung haben sollen, dass unsere Meinung falsch ist oder wir sie nicht äußern dürfen. Das bedeutet auch nicht, dass der andere im Recht ist, mit dem was er gesagt oder getan hat. Keinesfalls müssen wir uns von einem anderen Menschen schlecht behandeln lassen, nur weil dieser seiner Meinung nach glaubt, das Recht dazu zu haben. Wenn wir uns jedoch der Meinung des anderen unterordnen, obwohl wir völlig anderer Ansicht sind, vielleicht um einen Konflikt zu vermeiden oder aus Angst vor eventuellen Konsequenzen, dann machen wir uns selbst zum Opfer und geben anderen Menschen Macht über uns. Auch wenn wir einem anderen unsere Meinung aufzwingen, weil wir glauben, dass wir unserer Überzeugung nach im Recht sind, sind wir keinesfalls Herr der Lage, denn wir versuchen Kontrolle auszuüben und zu manipulieren und auch so geraten wir in eine Opferrolle, aus der wir uns nicht befreien können, solange der andere nicht nachgibt.

Wenn wir also lernen unsere Meinung und Sichtweise nicht als Allgemeingültig darzustellen, dann befreien wir uns aus der Opferrolle und niemand hat mehr Macht über uns. Wir können weder kontrolliert, noch manipuliert werden durch die Meinung anderer, wenn wir es nicht erlauben. Wenn unsere eigene Sichtweise keine Allgemeingültigkeit besitzt und weder richtig noch falsch sein muss, dann erkennen wir, dass es bei den Meinungen anderer genau dasselbe ist.

Nehmen wir ein Bild einer Kunstausstellung in einer Galerie. Der Künstler dachte sich etwas, als er dieses Kunstwerk schuf. Doch wissen wir im Einzelnen, was genau er damit sagen wollte oder was er dachte? Vor diesem Gemälde stehen unzählige Menschen und betrachten es, doch jeder sieht darin etwas anders. Selbst wenn zwei Menschen es zur selben Zeit betrachten, bedeutet es nicht zwangsläufig, dass beide dieselbe Interpretation des Kunstwerkes haben. Auch in diesem Moment gibt es nicht nur diese beiden unterschiedlichen Sichtweisen sondern so viele mehr, wie es Menschen gibt. Oder lesen wir ein Gedicht, dass uns sehr gut gefällt. Wir interpretieren dort unsere eigenen Vorstellungen und Wünsche hinein und es gefällt uns, weil wir es auf eine ganz bestimmte Weise lesen und es für uns eine bestimmte Bedeutung hat. Liest es jemand anderes, findet diese Person es vielleicht kitschig oder langweilig, einfach weil sie oder er ganz andere Vorstellungen, Bedürfnisse und Wünsche hat und diese keinesfalls mit den geschriebenen Zeilen verknüpft oder auf eine andere Weise, als wir es tun.

Wenn wir einen Kollegen haben, der unserer Ansicht nach faul ist und keine gute Arbeit leistet, dann ergibt sich diese Meinung aus unserer Definition von Fleiß. Wir sind vielleicht eher zielstrebig, ehrgeizig und engagiert, da wir Freude an unserer Arbeit haben. Dem anderen ergeht es aus den verschiedensten Gründen vielleicht nicht so oder er besitzt die Fähigkeiten die wir haben einfach nicht. Ist er deshalb wirklich faul? Vielleicht leistet er auf anderen Gebieten gute Arbeit, von denen wir nur nichts wissen.

Verhält sich unser Partner uns gegenüber lieblos und respektlos, fühlen wir uns gekränkt und zweifeln an seiner Liebe zu uns. Wir glauben, wenn er uns lieben würde oder wir ihm genug wert wären, dann würde er sich uns gegenüber ganz anders verhalten. Doch auch das ist nur unsere eigene Meinung. Eine, die wir uns über ihn gebildet haben, weil unsere Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllt sind und dann noch die über uns selbst, die viel schlimmer wiegt, da wir glauben irgendetwas an uns zu haben, dass wohl seiner Liebe und Aufmerksamkeit nicht würdig zu sein scheint. Doch ist das wirklich die richtige und einzig wahre Sichtweise, die man darüber haben kann? Könnte es nicht auch sein, dass das Verhalten unseres Partners gar nichts über uns aussagt, sondern nur über ihn selbst? Sein (für uns) schlechtes Benehmen könnte aus seinem eigenen mangelnden Selbstwert resultieren. Es gibt Menschen, die sich über andere erheben müssen, indem sie diese runterputzen, nur um sich besser zu fühlen. Sie haben nicht den Selbstwert aus sich heraus ihre eigene Zufriedenheit und Liebe zu sich selbst zu kreieren und so müssen sie andere schlecht behandeln, um eben dieses Defizit auszugleichen. Vielleicht hat unser Partner aber auch ganz eigene Sorgen und Ängste, die ihn beschäftigen und bedrücken, sodass er sich gerade nicht in der Lage sieht sich ausreichend auch eben um die Liebesbeziehung zu bemühen und zu kümmern. Vielleicht stellt es sich aus seiner Sicht auch so dar, als hätte er schon so einiges getan und dennoch sind wir damit nicht zufrieden, würdigen es nicht und erkennen ihn nicht an. So ist er frustriert und weiß sich nicht anders zu helfen, als uns mit Lieblosigkeit und Respektlosigkeit zu begegnen. Auch hier gibt es wieder unzählige verschiedene Sichtweisen und jede davon hat ihre Daseinsberechtigung. Wir müssen nur aufhören sie in die Kategorien „Richtung und Falsch“ zu unterteilen.

Es gibt nicht die eine einzige richtige Sichtweise und Meinung, so wie es auch nicht die eine einzige falsche Sichtweise und Meinung gibt. Es gibt eben so sehr vieles dazwischen und wenn wir das anerkennen, dann fällt es uns auch viel leichter mit der Meinung anderer umzugehen, auch wenn sie gerade nicht unserer entspricht. Wir bemühen uns dann nicht mehr darum den anderen von etwas zu überzeugen, dass er gar nicht so sehen möchte oder vielleicht auch gar nicht kann. Wir hören auf uns übermäßig viele Gedanken darüber zu machen, was ein anderer zu uns gesagt hat, da wir wissen, es ist „nur“ seine Meinung. Sie kann mit unserer übereinstimmen, muss sie aber nicht und ohne uns damit herum zu quälen, können wir das genauso akzeptieren und stehen lassen.

Selbstverständlich können und sollten wir uns die Meinung des anderen anhören. Woher sollen wir sonst wissen, wie er die Dinge sieht oder was er denkt. Doch wenn wir zu dem Entschluss gekommen sind, dass sein Denken zu der Situation nicht dem unseren entspricht, dann dürfen wir das Thema getrost abhaken, auch wenn wir vielleicht nicht erreicht haben, was wir erreichen wollten. Denn es geht beim Meinungsaustausch nicht darum etwas zu erreichen. Es geht lediglich darum uns einem anderen Menschen mitzuteilen und ihm somit die Möglichkeit zu geben uns besser verstehen zu können. Niemand kann Gedanken lesen und das sollten wir auch nicht erwarten. So ist es also sehr wichtig, Meinungen und Sichtweisen zu kommunizieren, aber eben auch nur das. Nicht mehr und nicht weniger.

Wenn wir das erkennen und verstehen, ja auch verinnerlichen und danach leben, dann spielt es plötzlich keine Rolle mehr, was ein anderer von uns denkt. Selbst wenn uns jemand unglaublich blöd findet und uns für wahnsinnig dumm hält, dann nehmen wir uns das nicht zu Herzen, da wir wissen, nur er denkt so. Viele andere denken über uns anders. Sie lieben und wertschätzen uns, sehen unsere Qualitäten. Warum sollten wir jetzt also aufgrund der Meinung eines einzelnen glauben, dass wir plötzlich dumm und wertlos wären? Mit dieser Herangehensweise gelingt es uns ganz bei uns selbst zu bleiben. Wir haben die Macht und die Kontrolle zurück erlangt und auch wir ganz allein sind genau dafür verantwortlich.

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