Die Bedeutung des Vergebens in Partnerschaften…

Hans- Georg Lauer, Paarberatung Köln Bonn

Jedes Paar, welches länger zusammen ist, weiß, dass in Partnerschaft und Ehe nicht alle Erwartungen und Versprechen erfüllt werden. Im Gegenteil. Schwierigkeiten in der Partnerschaft können bereits mit dem Verblassen der anfänglichen Verliebtheit beginnen. Der Zauber des Beziehungsanfangs beruht oft auf einer wechselseitigen Einzigartigkeits-Illusion: ich finde dich so toll, weil du mir signalisierst, dass du mich so toll findest. Wie wir wissen weicht diese Einzigartigkeits-Illusion über kurz oder lang einer realitätsgerechteren Sicht auf den anderen.

Häufig begegnen mir Paare in meiner Praxis, die eine lange Liste von enttäuschten Erwartungen mit sich herum tragen. Diese Enttäuschungen und Verletzungen werden dem Partner so lange offen oder verdeckt vorgehalten, bis dieser etwas unternimmt, was wir wiederum als Entschädigung oder Wiedergutmachung werten. Oder wir selbst sehen uns durch die Verletzungen unseres Partners in der Position, Vergeltung üben zu dürfen. Wir schlüpfen in die „Täter-Rolle“ und gleichen die empfundene Ungerechtigkeit durch eine eigene Verletzung aus. Die Schwachstellen des Partners kennen wir ja inzwischen. Andere nutzen wiederum ihre „Opfer-Rolle“ um beim Partner Schuldgefühle zu erzeugen und ihn damit zu einem bestimmten Verhalten zu nötigen.

Das „Beziehungs-Konto“

Manchmal ist es unser Partner, der uns enttäuscht, vielleicht sogar so bitter enttäuscht, wie wir das nie erwartet hätten. Dann empfinden wir das als ungerechte und schwerwiegende Abhebung von unserem „Beziehungs-Konto“. Innerlich kochen wir vielleicht vor Wut oder sind sehr traurig über das subjektiv erlebte Unrecht. Umgekehrt empfindet mancher es als eigene Schuld oder als eigenes Versagen, weil er bestimmte Versprechen und Zusagen nicht einlösen konnte und grämt sich, ohne dass der andere in der Lage wäre, ihn aus dieser Stimmung herauszuholen.

Ich erlebe in meiner Paartherapie-Praxis häufig, dass viele Paare wie selbstverständlich „Konten“ im Sinne von „weil du das gemacht hast, habe ich bei dir noch etwas gut“ führen.

Wir erwarten Gerechtigkeit in Beziehungen

In einer Paarbeziehung fangen wir immer dann mit einer emotionalen Kontoführung an, wenn unser Gerechtigkeitsempfinden verletzt wurde. Wir erwarten wie selbstverständlich, dass es in einer Partnerschaft wechselseitig gerecht zugehen müsse. Dabei bleibt häufig offen, was jeder unter „gerecht“ versteht. Wenn ich den andern unterstütze, erwarte ich eine reziproke unterstützende Handlung. Wenn diese ausbleibt, fange ich an aufzurechnen bzw. selbst Abhebungen vom Beziehungskonto vorzunehmen.

Gerechtigkeit in einer Zweierbeziehung bleibt allerdings eine Illusion. Was der eine Partner als gerecht empfindet oder akzeptiert, akzeptiert der andere Partner aufgrund seiner Wertvorstellungen noch lange nicht. Ein typisches Beispiel ist das Fremdgehen. Einer der Partner hat eine Außenbeziehung begonnen und die Paar-Intimität damit verletzt. Mancher begnügt sich mit dem Gedanken „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ Für andere ist Fremdgehen Anlass genug, die Partnerschaft sofort zu beenden. Sie empfinden den Verlust der Paar-Intimität als so gravierende Abhebung vom Beziehungskonto, dass nur noch die Trennung als Lösung bleibt, unabhängig davon, ob es sich um eine kurze Affäre oder eine lang andauernde Liebesbeziehung handelt.

Kann man Fremdgehen heimzahlen oder wieder gutmachen? Was darf ich dem Anderen antun, wenn er fremdgegangen ist? Nie wird es gelingen, die verschiedenen Tatbestände, die uns verletzt haben, gegeneinander aufzurechnen. Ein weiteres Beispiel: wie schwer wiegt es, den Partner im Haushalt nicht zu unterstützen im Vergleich dazu, nicht mit ihm zu kommunizieren? Die emotionale „Kontoführung“ wiederum verlangt Zeit und Energie. Statt sich um die Lösung eines Konfliktes zu kümmern, wird lieber Zeit darauf verwendet, auf- und abzurechnen.

Wie aber mit beträchtlichen Abhebungen vom Beziehungs-Konto umgehen?

Eine Möglichkeit, die vielen vielleicht etwas altbacken oder unlogisch erscheinen mag, ist es, dem Partner zu vergeben. Den Begriff des Vergebens nutzen wir heutzutage nur noch selten. Er klingt irgendwie „uncool“ und nicht zeitgemäß in einer säkularen Welt. Machen wir uns nicht auch schwach, wenn wir vergeben, also nachgeben und nicht auf unserem „Recht“ bestehen? Vieles in der Partnerschaft müssen wir nicht akzeptieren. Wir können uns heutzutage nach einem gravierenden Vertrauensbruch in der Partnerschaft schnell und unkompliziert, ohne Scham oder materielle Einbußen trennen, anders als noch unsere Eltern-Generation. Wieso also vergeben?

Das Vergeben ist eine emotional taugliche Form, mir selbst und der Partnerschaft etwas Gutes zu tun. Ich nehme mir die Freiheit, dem Partner die Verletzungen nicht nachzutragen. Ich beginne, ihn und die erlittenen Verletzungen in einem anderen Licht zu sehen und mich selbst damit von „Kontoführung“ bzw. Vergeltung zu entlasten. Das stärkt mich und gibt mir die Freiheit zurück, mich von den Verletzungen ab- und dem Leben zu zuwenden. Ich lasse los und höre damit auf, destruktive oder vergebliche Ausgleichsversuche zu unternehmen, die im Zweifel die wechselseitige Kontoführung nur noch weiter anheizen.

Wie das auf meinen Partner wirkt, ist dabei zweitrangig. Es geht keineswegs darum, beim Partner neue Schuldgefühle auszulösen. Deshalb ist das Vergeben zu allererst ein innerlicher Vorgang. Ich mache das Vergeben mit mir selbst aus. Ich muss das Vergeben nicht aussprechen. Der Andere muss davon zunächst also nichts mitbekommen. Auf mich selbst wirkt das Vergeben so positiv, dass ich auch in meiner Beziehung zum Partner wieder positiv auftreten kann. Das wiederum wird sich auch auf das Beziehungsleben wahrscheinlich positiv auswirken.

Vergeben ist etwas anderes als Begnadigung. Bei der Begnadigung schaut der eine auf den anderen herab. Derjenige, der begnadigt, ist in der Position des Stärkeren. Die Ebenbürtigkeit ist verletzt. Der Stärkere möchte durch die Begnadigung seine Machtposition in der Beziehung festigen. Das ist nicht gemeint.

Vergeben hat auch nichts damit zu tun, sich alles gefallen zu lassen oder klein beizugeben. Das hieße nur, ein Machtspiel in der Partnerschaft mitzumachen. Damit würde der eine Partner die Position des Schwächeren einnehmen und vielleicht aus Angst vor einer Trennung und dem damit verbundenen Alleinsein alles akzeptieren. Das ist ebenfalls nicht gemeint.

Wie kann Paartherapie zum Vergeben beitragen?

Paartherapie trägt u.a. dazu bei, für die Gefühle, die Nöte und Bedürfnisse von mir selbst als auch meinem Partner sensibler zu werden. Indem ich den Partner besser verstehen lerne, kann ich auch mich selbst und meine Reaktionen auf meinen Partner besser verstehen. Und ich lerne, aktiv Entscheidungen zu treffen, mich aus der „Opfer-Rolle“ herauszubewegen und bewusst neue Wege zu gehen. Dann ist der Schritt zum Vergeben nur noch ein kleiner, um mir selbst die Chance zu einem emotionalen Neuanfang zu geben und nicht mehr die Wunden der Vergangenheit zu lecken. So kann Paartherapie dazu beitragen, einen Neuanfang zu wagen.

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