Die Strahlenperle…

Die Strahlenperle
(Tibetisches Märchen)
Seit langer Zeit schon wohnte am Rand des Sees eine arme Witwe mit ihrem Sohn. Der junge Mann war sehr fleißig und half seiner Mutter, so viel er konnte. Er arbeitete Tag um Tag, Jahr um Jahr, und doch blieben sie so arm wie eh und je. Da begann er zu grübeln: „Warum nur leben wir in solchem Elend? Und warum ist das Wasser des Sees so trübe, obwohl es durch das Wasser von 5 Quellen gespeist wird? Hängt vielleicht das eine mit dem anderen zusammen? Viele solcher Gedanken begleiten ihn bei seiner täglichen Arbeit und eines Tages hörte er die Leute im Dorf von einem weisen Alten erzählen, der im fernen Westen wohnte und allen Notleidenden Auskunft erteilte. Allerdings sei sein Haus soweit von dem See entfernt, dass bisher noch keiner dort Rat gesucht hätte.

Nun gab es für ihn nichts mehr zu überlegen und ohne seiner Mutter zu sagen, wohin er ginge, eilte er gleich am nächsten Morgen los, um den Alten zu finden. Er wusste, dass sie noch genügend Vorräte für eine geraume Zeit hatte und brauchte sich daher nicht weiter um sie zu sorgen.

Nach 49 Tagen kam er an das Haus einer alten Frau und bat sie um Speis und Trank. Diese lud ihn freundlich ein und fragte ihn, wohin er so eilig des Weges sei. Als er es ihr erklärte, staunte sie und bat ihn um einen Gefallen: „ich habe eine Tochter, die ist sehr hübsch und klug, kann aber nicht sprechen. Sie ist schon bald 18 Jahre alt und hat bis jetzt noch kein einziges Wort gesagt. Kannst du den weisen Alten nicht fragen, was ihre Zunge lähmt?“

Der Junge versprach’s bereitwillig und wanderte am nächsten Morgen erneut los, wieder 7×7 Tage lang. Diesmal gelangte er zu dem Haus eines alten Mannes, der ihn freundlich einlud. Als er alles gehört hatte, bat er den Jungen, doch auch für ihn Rat beim Weisen einzuholen: „Meine Orangenbäume tragen nie Früchte, sie treiben immer nur neue Blätter. Vielleicht weiß der Weise, woran das liegt.“ Der Junge versprach, Rat einzuholen, und wanderte am nächsten Morgen frisch ausgeruht weiter.

Nach geraumer Zeit kam er an einen gewaltigen Strom. Er setzte sich auf einen Felsblock und starrte in die tosenden Wassermengen. Wie sollte er bloß da hinüber kommen? Schwarze Wolkenschwaden zogen auf und ein Sturm erhob sich. Der Fluss tobte. Der Junge erschrak, denn ein riesiger schillernder Drache erschien plötzlich im Fluss und brüllte ihm zu: „Wohin des Weges?“ „ Zum weisen Alten im Westen“, antwortete der Junge mutig und erzählte auch den Rest seiner Geschichte. „Ach bitte, frag ihn doch, warum ich mich noch immer nicht in den Himmel erheben kann, obwohl ich keinem Menschen etwas zu Leide tue und nun schon 1000 Jahre lang lebe“, bat der Drache. Der Junge versprach’s und der Drache trug ihn auf seinem Rücken über den Strom. Von dort aus wanderte er wieder viele Tage weiter gen Westen.

Endlich kam er zu einer wundersamen alten Stadt, in deren Zentrum ein mächtiger Palast lag. Dorthin wurde er von den Wächtern der Stadt gebracht und in der Mitte einer prachtvollen Halle saß ein alter Mann mit schneeweißem Bart. Er war der weise Alte. Er lächelte so gütig und freundlich, dass der Junge gleich Vertrauen zu ihm fasste. „Ich möchte dich bitten, mir 4 Fragen zu beantworten“, sprach der Junge. Da wurde der Alte sehr ernst und antwortete:“4 Fragen, das geht leider nicht. In diesem Land gilt das Gesetz, dass nur Fragen in ungerader Zahl gestellt werden dürfen: entweder 1 oder 3, niemals aber 2 oder 4. Überlege dir also genau, welche deiner Fragen du weg lassen willst.“

Was tun? Dachte der Junge. Unruhig überlegte er hin und her. Sollte er seine eigene Frage stellen oder die drei ihm aufgetragenen? Aber waren seine 3 Bittsteller nicht gut zu ihm gewesen, hatten ihn bei sich aufgenommen und verpflegt? Hatte der Drache ihn nicht über den Strom getragen? Je länger er nachdachte, desto sicherer wusste er, dass er keinen der 3 enttäuschen wollte. Kurzentschlossen ließ er seine eigene Frage weg und stellte die ihm aufgetragenen. Der Weise beantwortete alle Fragen voll und ganz und der Junge bedankte sich und trat frohen Herzens die Rückreise an.

Als er den Fluss hörte, freute er sich darauf, dem Drachen eine gute Nachricht bringen zu können. „Der weise Alte lässt dir sagen, du kannst gleich in den Himmel fliegen, wenn du noch eine letzte Tat vollbringst, die dir zur Erlösung fehlt. Du musst dir die Strahlenperle ausreißen, die du auf der Stirne trägst. „ Der Drache ließ den Jungen wieder auf seinen Rücken sitzen und trug ihn über den Strom. Dann bat er ihn, ihm die Strahlenperle auszureißen. Sogleich wuchsen ihm Hörner aus der Stirn und er erhob sich in die Lüfte. Glücklich rief er „ich schenke dir die Strahlenperle zum Dank für deine Hilfe.“ Und flog davon.

Mit diesem kostbaren Geschenk wanderte der Junge weiter bis zur Hütte des alten Mannes. „Am Grunde des Teiches in deinem Obstgarten liegen 9 Krüge voll Silber und 9 voller Gold vergraben. Wenn du sie herausholst, wird frisches Wasser aus dem Boden sprudeln. Gieße mit diesem Wasser deine Orangenbäume und sie werden Früchte tragen. Freudig rief der alte Mann seinen Sohn herbei und zu dritt machten sie sich ans Werk. Sehr tief unten fanden sie die 18 Krüge und holten sie herauf. Das sprudelnde Wasser lief in einem kristallklaren Teich zusammen und der Alte begoss seine Bäume mit dem Wasser. Immer wenn ein Tropfen die Bäume berührte, wuchs dort gleich eine Orange und wurde im Nu reif. Über und über waren die Bäume nun bald mit leuchtenden Orangen behängt und der Alte konnte sein Glück gar nicht fassen. Der Junge blieb ein paar Tage und machte sich erneut auf den Weg. Jetzt trug er zu der Strahlenperle auch noch einige Taschen Gold und Silber bei sich.

Nach 49 Tagen kam er zum Haus der alten Frau. „Deine Tochter wird dann sprechen, wenn sie den Mann ihres Herzens trifft,“ rief er ihr entgegen. Da trat die Tochter aus dem Haus und fragte mit klarer Stimme, „Wer ist das, Mutter?“ und das Wunder war geschehen. Die alte Mutter weinte vor Freude und die beiden heirateten sogleich. Sie verlebten einige glückliche Tage, um dann weiter zu reisen. Der Junge wollte nach Hause und nachsehen, was geschehen war. Als er am Haus seiner Mutter ankam, trat ihm diese mit erloschenen Augen entgegen. Sie hatte sich aus Kummer um ihn blind geweint und konnte nun seine schöne Braut nicht sehen. Da wurde der Sohn sehr traurig und hatte nur noch den einzigen Wunsch, dass seine Mutter wieder sehen könnte.

In seinem Schmerz griff er sich an den Hals und bekam die Strahlenperle zufassen Als aber deren gleißend heller Schein die Augen seiner Mutter berührte, konnte sie sogleich wieder sehen, denn jene waren jetzt wieder mit Licht gefüllt.
Dann trat er an das Ufer des Sees und ließ die Strahlenperle auf die Wellen des Wassers scheinen. Es wurde in kurzer Zeit durchsichtig und klar wie reines Kristall. Elend und Not verließen das Dorf und jeder, der seiner Arbeit nachging hatte jetzt immer genug Geld. Von nun an waren alle glücklich.

 

Quelle:
Ulla Janascheck, Göttin der Gezeiten. Die weibliche Kraft in Mond, Mythen und Märchen 2004 Arun-Verlag

3 Comments on “Die Strahlenperle…

    • Ich denke es gibt jede Menge Menschen, die das tun würden, eben aus den von Dir genannten Gründen. Ich glaube vielen von uns fällt es schwer in dieser materiell orientierten Gesellschaft ihr Mitgefühl am Leben zu halten und derartiges für andere zu tun. Andersrum gibt es auch genügend positive Beispiele, denn man muss sich nur mal die Menschen ansehen, die sich im Tierschutz oder für die Obdachlosen angagieren und wieviele von denen selbst nicht viel haben. Es gibt sicherlich auch noch viele andere Bereiche, in denen man hilfsbereite und mitfühlende Menschen findet. 🙂

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      • Meinen Blog habe ich gestartet um ein paar positive Impulse zu setzen.
        Eines meiner sozialen Themen ist SOS Kinderdorf, ich habe selbst ein Patenkind in Uganda.
        Wir wollen immer nur die Symptome bekämpfen und Zäune hochziehen statt an die Ursachen zu gehen und vorort zu helfen, also den MENSCHEN Hilfe zur Selbsthilfe geben.
        Meine Patenschaft ist vielleicht nur ein kleiner Beitrag, aber es ist ein positiver Impuls.
        Letztens habe ich ja auch einen Beitrag geschrieben über den #GivingTuesday, als Gegenpol zu BlackFriday und CyberMonday.
        Ich tappe auch noch manchmal in die Konsumfalle aber ich lege das langsam ab.
        Die eigene Konditionierung zu ändern oder gar abzulegen ist durchaus eine herausfordernde Aufgabe…

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