-Allein bin ich nicht richtig-

Eine junge Frau schreibt folgendes:

„In meinem Leben geht gerade alles drunter und drüber. Streit mit Freunden, neuer Job, in dem ich nicht bezahlt werde, da die Firma insolvent ist. Extreme Existenzängste kommen da natürlich auch dazu. Gerade weil zur Zeit alles so kompliziert ist, sehne ich mich sehr stark nach Nähe und einem festen Partner. Der Wunsch wird immer größer und es löst schon fast innerliche Schmerzen aus, dass es nicht so ist. Ich gehe immer wieder auf Dates. Aber nichts klappt wirklich. Ich treffe häufig Männer, die nichts festes wollen oder mich für andere Frauen fallen lassen. Ich fühle mich deswegen minderwertig und so als wäre was mit mir verkehrt. Nach jeder Enttäuschung wird der Wunsch nach Liebe und geliebt zu werden immer größer.

Gleichzeitig bin ich mittlerweile so geprägt von den schlechten Erfahrungen, dass ich extreme Verlustangst und Eifersucht im Vorfeld entwickle und so wird das natürlich erst recht nichts und ich gehe an alles verkrampft ran. Ich habe jetzt jemanden kennengelernt und die ersten Treffen liefen gut, doch ertappe ich mich dabei nach Fehlern und Anzeichen für eine Katastrophe zu suchen und geh jetzt schon von einer Enttäuschung aus und bin gefühlt so niedergeschlagen als wäre ich bereits enttäuscht worden, dass ist schrecklich. Manchmal weine ich deswegen auch.

Ich habe immer das Gefühl ich verdiene es nicht und niemand wird sich je aufrichtig für mich interessieren oder begeistern können. Natürlich liegt das an meinem mangelnden Selbstwertgefühl. Das kann nur ich ändern. Aber ich bin so Sprüche leid wie „lerne erst dich selbst zu lieben, dann lieben dich auch andere“. Kann es nicht einfach Menschen geben, die sich für einen interessieren, obwohl man gerade keine leichte Zeit hat? Ich bin ja kein komplett anderer Mensch. Klar wirkt das nicht anziehend unsicher zu sein. Aber ich wünsche mir so sehr einen Partner und bekomme es einfach nicht hin.“

Diese junge Frau ist kein Einzelfall in ihrem Denken oder mit diesen Problemen. Sie befindet sich in einem Teufelskreis aus Gedanken und Gefühlen und falschen Glaubenssätzen über sich selbst, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Ein selbst errichtetes Gefängnis, aus dem nur schwer ein Entkommen zu sein scheint.

Sie sehnt sich nach Liebe und einem Partner, ohne sich jedoch im klaren darüber zu sein, dass mit dieser Sehnsucht, die sie in sich trägt, sie sich die Chance auf eine wirklich gute und erfüllte Liebesbeziehung selbst verbaut. Sie reicht sich nicht, ist sich selbst nicht genug, liebt sich nicht und kann mit sich selbst nicht besonders gut allein sein.

So ergeht es vielen von uns und wir sehnen uns dann häufig nach einem Partner, weil wir insgeheim glauben, wenn wir nur einen Menschen finden würden, der uns liebt, dann würden sich die Probleme, die wir haben in Luft auflösen und wir können durch ihn endlich glücklich sein. Wir haben also die Verantwortung für uns selbst abgegeben, für unsere Gedanken und Gefühle. Wir glauben allein nicht vollständig, nicht komplett, nicht liebenswert oder wertvoll zu sein. Doch mit diesem Denken stehen wir uns selbst im Weg.

Sie schreibt, sie kann es nicht mehr hören, dass Selbstliebe und sich selbst anzunehmen, wie man ist, die Lösung ihrer Probleme wäre, dabei wäre genau das der Schlüssel zum Erfolg und das Geschenk, was es für sie in ihren Situationen auszupacken gilt. Doch dazu ist sie noch nicht bereit, denn Selbstliebe zu praktizieren, bedeutet nicht einfach, dass wir morgens aufstehen und uns den ganzen Tag einreden, wie sehr wir uns lieben, bis wir es tatsächlich glauben.

Sich selbst anzunehmen und lieben zu können, ist etwas das wir lernen, nicht von heute auf morgen, sondern Schritt für Schritt, im Laufe der Zeit. Es ist tatsächlich ein bisschen, als würden wir neu laufen lernen. Vor allem bedeutet sich selbst lieben zu lernen aber, sich mit sich selbst zu beschäftigen, auseinander zu setzen, in sich hinein zu hören und sich selbst neu kennen zu lernen.

Diese junge Frau könnte beispielsweise damit beginnen sich Gedanken über ihre berufliche Situation zu machen. Warum befindet sie sich in einem Arbeitsumfeld, dass sie nicht genug verdienen lässt, sodass sie Existenzängste quälen. Hierin liegt das Geschenk eines Neuanfangs verborgen. Viele Menschen haben Angst vor Veränderungen, vor dem was kommen könnte und trauen sich nicht neue Entscheidungen zu treffen oder Neues auszuprobieren. Sie verharren in Altem, weil sie dabei wissen woran sie sind und dort keine bösen Überraschungen lauern. Sie sind jedoch damit nicht glücklich.

Wir können uns in solchen Situationen Gedanken darüber machen, was uns eigentlich Freude macht. Was ist es, dass uns die Zeit vergessen lässt, wenn wir es tun. Vielleicht haben wir auch als Kind etwas getan, dass uns sehr viel Freude bereitete und wir gut konnten, doch dem wir irgendwann nicht mehr nachgegangen sind. Wir können uns hier auf unsere Stärken besinnen und überlegen, was es denn eigentlich ist, dass uns so viel Freude bereiten würde, dass wir jeden Tag damit ein gutes Auskommen für uns erwirtschaften könnten. Einigen von uns ist es gelungen, ihre Hobbys zum Beruf zu machen und damit ein gutes Einkommen zu erzielen. Schließlich verbringen wir täglich viele Stunden bei der Arbeit und wenn wir erfolgreich sein möchten, dann können wir das nur, wenn wir auch Freude an unserer Arbeit haben.

Die junge Frau schreibt weiterhin, dass sie in Bezug auf die Partnerwahl geplagt wird von Verlustängsten und Eifersucht, welche sie vergangenen schlechten Erfahrungen zuschreibt, die sie bemüht ist, zukünftig zu vermeiden. So lebt sich entweder in der Vergangenheit oder malt sich schon vorher aus, was zukünftig geschehen und ihr böses widerfahren könnte. Findet das Leben aber nicht im Hier und Jetzt statt? An Vergangenem können wir nichts mehr ändern und was geschehen wird, können wir nicht wissen. Haben wir in der Vergangenheit Fehler gemacht, sind diese keinesfalls zu bedauern, sondern dienen uns, um zu wachsen und zu lernen. Herauszufinden, wer wir sind und wohin wir gehen wollen.

In unserem heutigen erwachsenen Dasein, gibt es ohnehin niemanden, der uns neue Schmerzen, neue Wunden zufügen kann. Wir begegnen lediglich Menschen, die uns zeigen, welche alten Wunden wir noch nicht geheilt haben. Alles das uns enttäuscht oder verletzt, dass uns Schmerz und Leid bereitet, sind die Erfahrungen und Erinnerungen unserer Kindheit, als wir tatsächlich noch auf andere Menschen angewiesen waren, weil wir allein nicht hätten überleben können. Die Erfahrungen unserer Kindheit sind die, die uns heute als Erwachsene begleiten und unser Denken und Handeln uns selbst betreffend oder auch über andere beeinflussen, obwohl wir uns dessen häufig noch nicht einmal bewusst sind.

Sich selbst lieben zu lernen, bedeutet also auch, sich selbst besser kennen zu lernen und herauszufinden, was an dem was der andere sagt oder tut ist es, dass uns wirklich trifft und verletzt? Was löst es in uns aus? Welche Erinnerungen liegen diesbezüglich in uns verborgen, wann befanden wir uns schon einmal in solchen Situationen usw.? Als Erwachsene sind wir nicht mehr die kleinen, hilflosen Kinder, die sich gegen Ungerechtigkeiten nicht wehren konnten. Heute haben wir die Fäden selbst in der Hand, können frei entscheiden und können vor allem die Verantwortung übernehmen, statt sie einem anderen zuzuschreiben.

Eifersucht und Verlustängste entstehen nicht aus vergangenen Erfahrungen, sondern aus den falschen Glaubenssätzen über uns selbst. In unserer Kindheit haben wir vielleicht häufiger gesagt bekommen, dass wir nicht gut genug sind, nichts richtig machen können, dass wir dumm oder faul sind oder eben nicht dem entsprechen, was andere von uns verlangten und erwarteten. All diese Dinge haben wir verinnerlicht und heute glauben wir sie selbst. Wir glauben selbst nicht wertvoll zu sein, nicht liebenswert, faul, dick, hässlich, dumm, unzulänglich usw.

Diese falschen Glaubenssätze über uns selbst (und sie sind falsch), lassen uns minderwertig fühlen und wir glauben, es gibt so viele Menschen um uns herum, die besser sind als wir. Intelligenter, hübscher, dünner, erfolgreicher usw. Wir vergleichen uns mit anderen und werden dabei immer schlechter wegkommen, da wir unseren eigenen Wert nicht kennen und uns selbst nicht zu schätzen wissen.

Wenn wir jedoch einmal wirklich hinschauen, dann können wir erkennen, dass es nichts gibt, was dem anderen gleicht. Wir werden keine zwei Bäume finden, die einander gleichen, keine Blumen, keine Tiere, keine Wolken und schon gar keine Menschen. Jeder ist auf seine ganz eigene Weise vollkommen und wertvoll, einzigartig und liebenswert. Es gibt niemanden, der besser oder schlechter ist. Natürlich kann der eine etwas besser, dafür ist der andere eben auf einem anderen Gebiet der Experte. Doch können wir bei solcher Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit keine Vergleiche anstellen. Woran wollen wir diese Vergleiche denn fest machen? Deshalb können wir uns entscheiden, nicht mehr auf andere zu schauen, sondern bei uns selbst zu bleiben, die guten Samen in uns wässern, die schlechten nicht nähren und schon werden wir feststellen, dass das Leben und vor allem wir selbst, gar nicht mehr so grau sind, wie wir es uns ausgemalt haben.

Sind wir uns unserer Stärken und uns selbst bewusst, dann brauchen wir keine Angst mehr zu haben, etwas oder jemanden zu verlieren, von dem wir glauben, wir würden ihn brauchen. Wir wissen ganz automatisch, dass das was zu uns gehört da sein und da bleiben wird oder ggf. auch zu einem anderen Zeitpunkt wieder zu uns zurückkehrt. Wenn wir keine Angst haben etwas zu verlieren, dann empfinden wir auch keine Eifersucht, da wir wissen, dass schon alles seine Richtigkeit hat, genau so wie es ist, in jedem Moment.

Wenn wir uns selbst gut kennen und wissen, wo unsere Stärken und Schwächen liegen, dann verstehen wir, dass es keinen Grund gibt ängstlich zu sein oder dass erst ein anderer Mensch in unser Leben kommen muss, dass wir endlich glücklich sein können. Wir sind in der Lage mit uns selbst glücklich zu sein und uns genauso zu lieben, wie wir sind. Aus dieser Liebe heraus, hören wir auf, die Bettler zu sein, die Brauchenden, die Wollenden. Wir kreieren unser Leben und unser Glück selbst und auf diese Weise werden Menschen in unser Leben kommen, die uns ein Stück unseres Lebens begleiten. Wieder andere werden gehen, weil sie nicht mehr in unser Leben passen oder selbst noch auf der Suche nach dem eigenen Glück.

Schlussendlich liegt der Schlüssel zum Erfolg, zu einem glücklichen Leben, mit einer erfüllten Partnerschaft, einem Job, der uns ein gutes Einkommen bringt usw. bei uns. Wir selbst können frei entscheiden, was wir wollen und was nicht, was wir tun werden und was nicht, wozu wir bereit sind und wozu nicht. Doch in jedem Fall wird das alles nicht gelingen, wenn wir nicht beginnen Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für uns selbst, unsere Gedanken und Gefühle und damit für unser Leben.

Wir werden keinesfalls glücklich sein können, wenn wir glauben nur durch einen anderen Menschen können wir das erreichen oder ihm gar die unmöglich zu erfüllende Aufgabe aufbürden, uns glücklich zu machen. Jemanden zu lieben und geliebt zu werden, ist ein Bonus. Sozusagen die Kirsche auf der Torte, das Sahnehäubchen. Wir können jedoch mit einem verschlossenen Herzen nicht lieben, wenn wir die Geister der Vergangenheit nicht ziehen lassen. Wir können nicht lieben, wenn wir nicht bereit sind loszulassen.

2 Comments on “-Allein bin ich nicht richtig-

    • Nicht nur Frauen, auch genug Männer können nicht besonders gut mit sich selbst allein sein und fragen sich oder viel mehr wundern sich, dass sie immer wieder an die angeblich falschen Frauen geraten, weil sie noch nicht verstanden haben, dass sie selbst es sind, die sich nicht sehen. 🙂

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