Ent- täuschte (=Täuschung) Erwartungen

Manchmal kommt es vor, dass wir von einem geliebten Menschen unendlich enttäuscht werden und enttäuscht von ihm oder ihr sind wir nur deshalb, weil wir es von diesem Menschen nicht erwartet hätten. Damit sind wir auch schon beim Thema: Enttäuschung steht stets im Zusammenhang mit Erwartungen.

Betrachten wir beispielsweise die Beziehung zu unseren Kindern oder unsere Liebesbeziehungen. Es ist davon auszugehen, dass abgesehen von weiteren Familienangehörigen oder engen Freunden, diese Menschen diejenigen sind, die uns am nächsten stehen. Zu ihnen haben wir eine ganz besondere Beziehung, eine enge Bindung, ein riesiges Vertrauen und vor allem hohe Erwartungen und Ansprüche, nämlich genau die selben, wie an uns selbst.

Nur ist es oft so, dass wir von uns selbst ja oft schon zu viel erwarten, von uns selbst oft enttäuscht sind. Jeder von uns kennt die Selbstbeschimpfungen, mal wieder etwas nicht ordentlich oder richtig auf die Reihe bekommen zu haben. Mit uns selbst üben wir oft sehr wenig Nachsicht, erlauben uns kaum Fehler, stecken unsere Ansprüche und Ziele oft so hoch, dass ein Scheitern ja schon vorprogrammiert ist. Wie kann es da gelingen, dass andere unseren Erwartungen entsprechen und uns gerecht werden können, sodass jegliche Enttäuschung vermieden wird? Ganz einfach: indem wir unsere Erwartungen ganz nach unten schrauben, denn wo nichts erwartet wird, kann man auch nicht in tiefe Enttäuschung fallen.

Von Menschen, die wir lieben und von denen wir wissen, dass sie uns lieben, erwarten wir ganz automatisch, dass sie nichts tun, was uns in irgendeiner Art und Weise verletzen könnte. Wir glauben sie zu kennen und denken, sie würden uns kennen. Sie müssen wissen, was wir denken und fühlen, was unsere Werte sind, was uns wichtig und unwichtig ist, wo unsere Stärken und Schwächen liegen und was uns verletzt oder eben auch nicht.

Was ist nun jedoch, wenn einer der beiden Parteien sich an die genannten Spielregeln nicht mehr hält? Was passiert, wenn einer oder sogar beide sich aus welchen Gründen auch immer plötzlich völlig verändern? Alles befindet sich in stetiger Veränderung und so auch wir. Die Gründe hierfür spielen dabei keine Rolle, sie können höchsten zu einem besseren Verständnis beitragen. Manchmal reicht eine Veränderung im Umfeld, sodass sich auch der Mensch verändert, der sich in diesem Umfeld befindet. Das verändert Werte, Vorstellungen, Sichtweisen, Taten, Gefühle. Diese Veränderung kann Ausmaße annehmen, dass wir glauben, wir würden den anderen gar nicht mehr wieder erkennen und so können wir ihn und seine Verhaltensweisen nicht mehr verstehen.

Auch wir können uns durch ein neues Umfeld oder bestimmte Lebensumstände, Dinge die eben einfach passieren oder auch Schicksalsschläge so verändern, dass unsere ganze Weltanschauung auf den Kopf gestellt wird und auch andere Menschen mit uns nicht mehr zurecht kommen, von uns enttäuscht sind und sich von uns abwenden, ohne das wir uns dessen bewusst sind, was da eigentlich passiert.

Gerade unsere Kinder und Lebenspartner glauben wir am besten zu kennen und vor allem lieben wir sie. Vor allem unsere Kinder haben ein großes Spektrum an Narrenfreiheit und ihnen verzeihen wir so einiges mehr, als wir es bei manch Erwachsenem tun würden. Wenn sie unsere Erwartungen erfüllen, dann sind wir unglaublich stolz, denn schließlich haben wir einen großen Teil dazu beigetragen und rühmen uns mit dem Erfolg. Wenn sie zur Schule gehen und gute Noten nach Hause bringen, einen freundlichen Umgang mit uns pflegen, am besten nur nette Dinge zu uns sagen und dazu vielleicht noch das ein oder andere Talent entwickeln, wie Klavier spielen, Zeichnen, herausragende Leistungen im Sport erzielen usw., dann sind wir stolz, denn all unsere Erwartungen an sie haben sie erfüllt.

Doch was passiert, wenn sich all das plötzlich ändert. Jedem von uns ist die Pubertät ein Begriff. Sie schlagen völlig über die Stränge, schmeißen uns die Tür vor der Nase zu, beschimpfen und beleidigen uns, gehen ihren schulischen Pflichten nicht mehr nach und geben uns das Gefühl dass allerletzte auf diesem Planeten zu sein. Genau in solchen Momenten sind all unsere Erwartungen über den Haufen geworfen, denn sie sind absolut nicht mehr dazu bereit, auch nur eine einzige davon zu erfüllen. Was zurück bleibt sind wir, mit unserer grenzenlosen Enttäuschung.

Ähnliches findet sehr häufig in unseren Liebesbeziehungen statt. Am Anfang ist alles rosarot. Jeder von uns kennt die Verliebtheit der Anfangszeit und gerade in dieser Zeit sind wir noch in der Lage den anderen genau so zu sehen uns zu akzeptieren wie er ist. Oder uns fallen schlechte Angewohnheiten und kleine Macken oder Ecken und Kanten des anderen gar nicht auf, denn wir genießen das Zusammensein und die Zweisamkeit. Wolke sieben eben. Je länger wir jedoch mit unserem Partner zusammen sind und je mehr wir es gewohnt sind von diesem Menschen umgarnt und geliebt zu werden, je mehr er uns dies mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zeigt, desto mehr steigen unsere Erwartungen an diesen.

Nehmen wir an, unser Partner hat uns immer mit Liebesbekundungen und kleinen Liebesbeweisen überrascht. Vielleicht bekamen wir kleine Geschenke oder ein Abendessen wurde gekocht oder wir wurden ausgeführt, zu verschiedensten gemeinsamen Aktivitäten, gemeinsamen Abendessen, Konzerten oder was auch immer.

Im Laufe der Zeit ist es völlig normal, dass solche kleinen Aufmerksamkeiten nachlassen. Schöner wäre es, jeder von beiden würde sich dauerhaft um den anderen bemühen, doch das ist eher unrealistisch, da niemand von uns immer in der Lage ist hundert Prozent zu geben, auch nicht in unseren Liebesbeziehungen. Manchmal reicht schon eine kleine Veränderung im Umfeld, dass unser Partner beispielsweise eine Beförderung erhalten hat. An sich ist das ja sehr erfreulich, bedeutet aber auch, dass er vielleicht nicht mehr so viel Zeit für uns hat, weil er beruflich eingespannter ist, als zuvor oder auch dass er den Kopf für die Kleinigkeiten des Alltags nicht frei hat. Er hat jetzt viel berufliches zu bedenken und nicht zu vergessen, dass in jeder Beziehung irgendwann der Alltag Einzug hält, vieles Selbstverständlich wird und das Bemühen um den anderen hin und wieder doch etwas schwerer fällt oder auf der Strecke bleibt.

Wie in vielen anderen Bereichen auch, braucht auch eine Liebesbeziehung ein gutes Stück Arbeit um zu gelingen und zu funktionieren. So kann es nur ganz zwangsläufig so sein, dass unsere Erwartungen, die wir an den anderen haben nicht mehr erfüllt werden, denn wir sind es ja anders gewohnt und haben es anders kennengelernt oder unsere Vorstellungen von einer glücklichen Partnerschaft sind nicht mehr erfüllt.

Hier ist es dann eine Frage der Zeit, bis wir in voller Enttäuschung zurückbleiben und uns fragen, was nur aus dem Menschen geworden ist, den wir kennen und lieben gelernt haben.

Wie gehen wir mit solchen Enttäuschungen nun also um? Ganz einfach. Wir schrauben unsere Erwartungen zurück. Es heißt ja nicht ohne Grund, wo nichts erwartet wird, kann man auch nicht enttäuscht werden. Allerdings ist das kein Prozess, der mit Leichtigkeit von heute auf morgen gelingt. Ist die Enttäuschung erst einmal da und ist sie dementsprechend groß genug, muss diese auch erst einmal überwunden werden. Vielen von uns gelingt das jedoch nur sehr schlecht, denn mit der Enttäuschung kommen oft auch Wut und Zorn auf den anderen und damit jede Menge Konflikte. Zudem sind Wut und Zorn recht unangenehme Gefühle, wo wir stets sehr bemüht sind diese wieder loszuwerden, was uns häufig nur dadurch gelingt, dass wir dem anderen die Schuld für unsere Gefühle geben, um uns so besser zu fühlen.

Enttäuschung überwinden können wir, indem wir zu allererst die Verantwortung für uns selbst und unsere Gefühle übernehmen, beziehungsweise zurücknehmen, statt von dem anderen zu verlangen, er möge uns glücklich machen. Natürlich dürfen wir wütend, traurig und enttäuscht sein, doch das ist unsere Wut, unsere Traurigkeit und unsere Enttäuschung, entstanden aus unseren Vorstellungen und Erfahrungen, sowie Werten und allem was wir in der Vergangenheit bisher erlebt haben. Wenn wir uns dessen bewusst werden und wieder zu dem Ursprung zurück kehren, den anderen so zu sehen, wie er ist, nämlich genauso mit Fehlern und Schwächen, wie wir sie auch haben, dann kann es uns gelingen unsere Enttäuschung zu überwinden.

Zunächst können wir dann beginnen, den anderen vielleicht besser zu verstehen, mit ihm zu sprechen und ihn nach seinen Beweggründen fragen. Nicht immer bedeutet die Nichterfüllung unserer Erwartungen, dass der andere uns etwas schlechtes möchte oder gar nicht mehr liebt. Vielleicht können wir in Gesprächen die Hintergründe erfragen, um den anderen besser zu verstehen und da alles und jeder sich in ständiger Veränderung befindet, auch wir, ist nicht davon auszugehen, dass unser Gegenüber jetzt für immer und ewig so bleiben wird. Vielleicht sind unsere Erwartungen auch so hoch, dass es dem anderen gar nicht gelingen kann diese zu erfüllen oder vielleicht möchte er es auch nicht mehr, da sich seine Werte und Sichtweisen geändert haben oder auch die Prioritäten. Das bedeutet jedoch keinesfalls das Aus einer jeden Beziehung, sondern kann sogar viel positives mit sich bringen und uns zusammenschweißen.

In jedem Fall sind es allein unsere Erwartungen, die zu unserer Enttäuschung führen, also haben wir auch die Verantwortung damit umzugehen und mit ein bisschen Mitgefühl und Verständnis, mit unserem Wachsen an uns und mit anderen, ist das oft gar nicht so schwer.

 

2 Comments on “Ent- täuschte (=Täuschung) Erwartungen

  1. Täuschung lässt sich nicht vermeiden. Es ist wichtig sich auf den Weg zu machen und Illusionen zu erkennen. Meistens sind so in einem selbst und nicht im Außen aufzudecken. Das vermeintliche Außen hilft nur zu erkennen. Wie ein Spiegel.
    Ganz liebe Grüße 🌸☀️

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    • Vielen Dank für diese sehr wahren Worte. Das Außen ist tatsächlich ein Spiegel unserer Selbst, doch nicht immer gelingt es uns oder fällt es uns leicht dieses Spiegelbild auch anzusehen und damit uns selbst.

      Ebenfalls sehr liebe Grüße 🙂

      Gefällt 1 Person

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