Schuldgefühle- Schatten der Vergangenheit

Schuldgefühle sind etwas ganz furchtbares, etwas quälendes, etwas, wenn wir darin gefangen sind, dass uns nur schwer wieder los lässt. Wir alle werden hin und wieder von ihnen begleitet und haben uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Doch wo kommen sie her, wie entstehen sie?

In der Online-Enzyklopädie aus den Wissenschaften Psychologie und Pädagogik (Stangl,

2019) finden wir dazu folgendes…

Das Schuldgefühl ist eine oft als negativ wahrgenommene soziale Emotion, die bewusst oder unbewusst, einer Fehlreaktion, Pflichtverletzung oder eines anderen Fehlverhaltens folgt. Körperliche Reaktionen sind dabei Erröten, Schwitzen, eventuell sogar depressive Verstimmungen oder körperliche Symptome wie eine Magenverstimmung, die vergleichbar mit denen bei Scham oder Angst sind, meist aber schwächer ausgeprägt auftreten. Dabei können beim Betrachter Schuld, Scham und Verantwortungsgefühl leicht verwechselt werden, d. h., eine Abgrenzung ist häufig schwierig.
Untersuchungen (Slepian et al., 2019) zeigen übrigens, dass wer sich schämt, sich oft wertlos oder machtlos fühlt, während Schuldgefühle eher dazu führen, dass man Reue oder Druck empfindet. Schuldgefühle richten den Blick des Menschen eher auf das, was in Zukunft zu tun oder zu lassen ist, während das bei Scham nicht der Fall ist. Offenbar wiegt Scham auch schwerer als Schuld, denn Geheimnisse in Verbindung mit Schamgefühl führen zu mehr problematischer Grübelei. Nach amerikanischen Untersuchungen von Sozialpsychologen wirken Menschen, die besonders zu Schuldgefühlen neigen, vertrauenswürdiger, denn sie übernehmen oft mehr Verantwortung, und nutzen dieses Vertrauen seltener aus.
Das liegt vermutlich daran, dass diese Menschen oft im Vorhinein über Schuld nachdenken, die sie auf sich nehmen, wenn sie falsch handeln. So sind MitarbeiterInnen vor allem dann vertrauenswürdig, wenn sie eine starke Verantwortung für ihr Handeln empfinden und sich bei Fehlentscheidungen schuldig fühlen. Ein Schuldgefühl ist für die Betroffenen in der Regel äußerst wenig hilfreich, denn es macht das Verhalten ja nicht ungeschehen, führt nicht unbedingt zu einer Wiedergutmachung und auch nicht zur Vermeidung zukünftigen Fehlverhaltens.

Daher ist es besser, neben der Verantwortung wenn möglich tätige Reue zu zeigen. Ein schlechtes Gewissen macht Menschen auch anfällig für Manipulationen durch andere, denn Schuldgefühle und Selbstvorwürfe machen oft gefügig. Vor allem in der Partnerschaft und in der Erziehung werden Schuldgefühle gerne und häufig als Druckmittel und zur emotionalen Erpressung eingesetzt. Dies führt oft zu einer weiteren und oft lang andauernden emotionalen Belastung, denn viele Menschen erleben Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen als eine kaum bewältigbare Form der Selbstbestrafung (Stangl, 2019).

Das Schuldgefühle nicht besonders hilfreich sind, scheint auf den ersten BLick logisch zu sein, denn schließlich fühlen wir uns mit ihnen auch nicht besonders gut. Dennoch werden viele von uns von ihnen geplagt, beziehungsweise sind wir selbst es, die sich mit ihnen plagen. Schuldgefühle machen wir uns entweder selbst, indem wir nicht auf unsere Gedanken achten und all das glauben, was unser innerer Kritiker so an uns auszusetzen hat. Eine zweite Variante sind die anderen, die uns die Schuld an irgendetwas geben und uns klar machen, dass sie das was wir gesagt oder getan haben nicht richtig finden und wir sind diejenigen, die sich die Jacke auch noch anziehen.
Schuld oder nicht Schuld ist in vielerlei Hinsicht unseres täglichen Lebens die Frage. Solange Menschen Fehler machen und mir persönlich ist noch niemand begegnet, der sich davon frei sprechen kann, solange wird es auch immer jemanden geben, der verurteilt und beschuldigt und wenn es nur wir selbst uns selbst gegenüber sind.
Schuldgefühle entstehen, wie oben schon beschrieben, weil wir glauben etwas nicht unseren Richtlinien, Werten und Vorstellungen entsprechend getan zu haben und dabei gehen wir mit uns selbst meist härter um, als wir es bei anderen tun würden.Wir haben einen Fehler gemacht und können uns das selbst nicht verzeihen. Wir sind wütend, hadern mit uns selbst, bereuen und wünschen uns, wir hätten dies oder jenes nicht gesagt oder getan.
Da wir jedoch alle Menschen sind und alle Menschen Fehler machen und ihre Stärken und Schwächen haben, wie kann es da sein, dass einige mehr von ihren Schuldgefühlen geplagt werden, als andere? Das ist ganz einfach zu erklären. Alles ist eine Frage der Sichtweise. Nehmen wir ein ganz simples Beispiel. Es liegen fünf Euro auf der Straße. Der eine hebt sie auf und steckt sie ein, ohne jegliches schlechte Gewissen, also auch ohne Schuldgefühle. Er freut sich und denkt, was er doch für ein Glück hat und überlegt sich, welch Kleinigkeit er sich davon gutes tun könnte. Ein anderer hebt sie auf und steckt sie ein und wird später von Schuldgefühlen geplagt, weil er sie nicht irgendwo abgegeben hat und er stellt sich vor, welch armer Mensch sie verloren haben könnte und dass er sich jetzt vielleicht nichts zu essen mehr leisten kann. Das ist zwar übertrieben dargestellt, doch was gemeint ist, wird wohl verstanden.
Schuldgefühle sind nur leider nicht immer so harmlos, wie es hier beschrieben ist. Manchmal kommt es vor, dass ein geliebter Mensch gestorben ist und wir haben es verpasst ihm noch einmal zu sagen, wie sehr wir ihn liebten. Vielleicht gab es kurz zuvor auch Streit, wir haben gemeine Dinge gesagt und haben nun nicht mehr die Gelegenheit zur Versöhnung und uns zu entschuldigen. Diese Art Schuldgefühle können uns sogar krank machen, wenn wir keinen Weg finden uns selbst und dem anderen Geschehenes zu vergeben.
Wir können auch Schuldgefühle entwickeln, wenn jemand anderes uns kritisiert und wir ihm glauben. Wir vergessen dabei nur allzu oft, dass es nur seine Meinung und seine Sichtweise ist, was keinesfalls bedeutet, dass wir es genauso sehen müssen. Natürlich kann Kritik auch sehr hilfreich sein, doch ob sie berechtigt oder unberechtigt ist, ob wir sie annehmen oder nicht, dass dürfen wir allein für uns selbst entscheiden. Da jeder Mensch seine eigenen Sichtweisen und Werte hat, basierend auf seinen Erfahrungen aus der Vergangenheit, ist es utopisch zu glauben, es gäbe auch nur zwei Menschen, die immer einer Meinung sind. Da viele von uns dazu tendieren, immer andere zuerst zu beschuldigen, statt bei sich selbst genau hinzusehen, scheint es unumgänglich zu sein, dass jeder von uns sich schon einmal im Hamsterrad der Schuldgefühle befunden hat oder sich gerade damit auseinandersetzt.
Ein sehr beliebtes Mittel in zwischenmenschlichen Beziehungen ist es auch, Schuldgefühle als Mittel zum Zweck einzusetzen, nämlich um den anderen zu manipulieren. Nicht selten erlebt man Frauen, die auf die Tränendrüse drücken, um den Partner weich zu klopfen oder Männer, die ihre Partnerin klein machen, um vor sich selbst besser da zu stehen. Nicht selten gipfelt das Ganze in emotionaler Gewalt und Erpressung und für diejenigen, die sich mit Schuldgefühlen quälen, scheint oftmals kein Land mehr in Sicht.
Grundsätzlich sind Menschen mit geringem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sehr anfällig für Schuldgefühle. Sie kennen oft ihren eigenen Wert nicht, wissen nicht wer sie sind und wo sie stehen und andere haben somit leichtes Spiel für die beschriebene Manipulation. Sie sind auch wahre Meister darin sich selbst bis ins unendliche zu Kritisieren und die Schuldgefühle einzureden, denn sie glauben ohnehin nicht, dass sie etwas gut und richtig machen können.
Schuldgefühle sind jedoch nicht nur negativ zu bewerten. Sie können durchaus auch eine Gelegenheit sein uns mit uns selbst zu beschäftigen und auseinander zu setzen, um zu erkennen, dass wir gar nicht so häufig schuld sind, wie wir es uns sagen und es niemanden gibt, der keine Fehler macht oder perfekt ist.
Und da sind wir auch schön bei der Lösung des Problems. Natürlich ist hier nicht gemeint, man solle sich ab jetzt hinstellen und niemals zugeben, dass man einen Fehler gemacht hätte und somit keine Schuld haben könnte. Gemeint ist auch nicht die Schuld permanent von sich zu weisen und damit dem anderen in die Schuhe zu schieben, nur um sich ein klein wenig besser und befreiter zu fühlen.
Gemeint ist viel mehr mit sich selbst und anderen Nachsicht zu üben. In vielen Lebenssituationen ist es überhaupt keine Frage, wer Schuld an der Situation hat, denn oftmals sind es nur zwei verschiedene Meinungen und Sichtweisen, die aufeinandertreffen, wo niemand das Recht hat zu beurteilen oder gar zu verurteilen, denn wer kann schon genau sagen, wessen Sichtweise die richtige ist. Das ist immer eine Frage des Betrachters. Es gibt Menschen, die haben ähnliche Sichtweisen wie wir und andere mit völlig anderen. Recht hat jeder auf seine Weise, die Kunst ist es sich in der Mitte zu treffen und Kompromisse zu finden.
Quälen uns Schuldgefühle, können wir uns in erster Linie darin üben zu akzeptieren, dass wir auch nur Menschen sind, mit Gefühlen, die Stärken und Schwächen besitzen und eben Fehler machen. Das ist gar nicht schlimm, denn die Fehler die wir machen, fordern uns heraus stets und ständig unser bestes zu geben und es immer noch ein kleines Stück besser zu machen. Perfekt geht sowieso niemals und muss es auch gar nicht. Wir können lernen uns unsere Fehler zu verzeihen, denn fast nie tun wir etwas in böser Absicht, sondern versuchen doch zumeist nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Die, die das nicht tun, sind in der Regel die, für die Schuldgefühle ohnehin ein Fremdwort ist, da sie mit recht wenig Mitgefühl ausgestattet sind. Die Fehler, die wir gemacht haben, liegen sowieso in der Vergangenheit und können im hier und jetzt nicht mehr rückgängig gemacht werden.
Sollten wir uns tatsächlich darüber bewusst werden, dass einer unserer Fehler dazu geführt hat, dass wir einen anderen Menschen verletzt haben, so haben wir die Möglichkeit auch ihn um Verzeihung zu bitten. Wir können uns und unsere Sichtweise erklären, können beteuern, dass es nicht unsere Absicht war, können zeigen, dass wir es von nun an besser machen werden. Ein Mensch, der sich selbst wertschätzt und liebt, wird uns vergeben und verstehen, so wie wir anderen verzeihen können, wenn auch wir uns wertschätzen und vergeben.
Darüber nachzudenken, ob oder was man falsch gemacht hat, ist völlig legitim, denn nur so können wir lernen und wachsen und einiges anders und besser machen. Doch in Schuldgefühlen zu versinken, bringt uns nichts weiter, als ein schlechtes Lebensgefühl und macht uns für Menschen, die es nicht ganz so gut meinen angreifbar, denn jeder im Außen kann spüren, wenn wir nicht hundert Prozent hinter uns selbst stehen und dem was wir sagen und tun. Dazu kommt, dass wir in unseren Schuldgefühlen versunken meist maßlos übertreiben, denn so schlimm und dramatisch, wie wir unsere eigenen Fehler sehen, sind sie häufig gar nicht und meistens entstehen auch nicht die Konsequenzen daraus, die wir uns ausmalen und befürchten. Doch gehen wir mit uns selbst so hart ins Gericht, werden wir das auch mit anderen tun und aus einer Mücke hin und wieder den berühmten Elefanten kreieren.
Können wir uns selbst nicht verzeihen und akzeptieren, dass Fehler machen zum Leben dazu gehört und wir nur so lernen können, dann können wir auch andere nicht verstehen oder ihnen vergeben. Niemand muss sich mit endlosen Schuldgefühlen quälen und auch, wenn der geliebte Mensch nicht mehr da sein mag, so können wir ihm trotzdem einen Brief schreiben beispielsweise und haben auch so die Möglichkeit zu erklären und zu vergeben. Ob der andere diesen Brief erhält oder liest oder dass er es vielleicht nicht möchte oder nicht mehr kann, das spielt dabei überhaupt keine Rolle.
Schuldgefühle sind in jeder Hinsicht das Resultat von Vergangenem und wir können absolut nichts tun, um daran etwas zu ändern. Wir können uns lediglich bemühen im Hier und Jetzt alles besser zu machen, denn schon morgen sind wir nicht mehr der Mensch, der wir heute noch sind.

2 Comments on “Schuldgefühle- Schatten der Vergangenheit

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