– Narzisstische Persönlichkeitsstörung –

Der Begriff der „Narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ ist derzeit weit verbreitet und deshalb in aller Munde. Verwendet wird er zur Beschreibung eines Menschen, der die Reinkarnation des Bösen sein soll unter dem Deckmantel einer Krankheit. Im bekannten, aber auch fehlerhaften Online- Lexikon Wikipedia findet man beispielsweise dazu folgendes:

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) zeichnet sich durch einen Mangel an Empathie, Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und gesteigertes Verlangen nach Anerkennung aus. Typisch ist, dass die betroffenen Personen übermäßig stark damit beschäftigt sind, anderen zu imponieren und um Bewunderung für sich zu werben, aber selbst kein zwischenmenschliches Einfühlungsvermögen besitzen und keine emotionale Wärme an andere Menschen zurückgeben.

Narzisstische Persönlichkeiten weisen deutliche Probleme bei der Anpassung an ihre Lebensumstände und an ihr Lebensumfeld und in der autonomen Regulierung des Selbstwertgefühls auf. Solche Anpassungsschwierigkeiten können sich in vielfältiger Weise äußern und in verschiedenen Erscheinungsformen der NPS auftreten. Der übermäßige Geltungsdrang kann entweder selbstsicher in Szene gesetzt oder schüchtern verborgen werden. Dementsprechend können Betroffene arrogant auftreten oder sich bescheiden geben.

Auch mangelt es nicht an bedauernswerter Lebensgeschichten und Darstellungen, von den vermeintlichen Opfern, die in die Fänge eines Narzissten gerieten. An dieser Stelle möchte ich einmal ganz klar sagen, dass auch ein sogenannter Narzisst seine absolute Daseinsberechtigung hat. Der Umgang mit ihm ist schwierig, bis sehr schwer, gar keine Frage und dennoch ist er ein menschliches Wesen, wie auch jeder andere, der ebenso viele positive und erstrebenswerte Eigenschaften und Fähigkeiten in sich vereint. In vielerlei Hinsicht kann man sich auch von ihm eine gehörige Scheibe abschneiden und so ist er ebenso wertvoll und einzigartig, wie alle anderen Menschen auch.

Sich hinzustellen und zu behaupten er wäre von Grund auf Böse und schlecht und es bliebe einem Nichts anderes übrig als das Weite zu suchen und vor ihm davon zu laufen, halte ich für übertrieben und einfach nicht wahr. Jeder darf natürlich für sich selbst entscheiden, bis zu welchem Maß er bereit ist, einen solchen Menschen in sein Leben zu lassen, doch schon im Vorfeld andere vor ihm zu warnen und zu behaupten es sei es nicht wert geliebt zu werden, da er selbst es nicht kann, wäre in etwa so, als würden wir Menschen ohne Beine aus unserem Leben katapultieren, weil sie eben nicht mit uns Laufen können und weil sie nicht so sind wie wir.

Ich finde es ebenfalls grenzwertig immer gleich jedes Anders sein in die Schublade einer Krankheit zu stecken. Eine Empathische Persönlichkeitsstörung gibt es schließlich nicht. Wie kann es also sein, dass der Mensch, der grob gesagt nicht fühlen kann, krank sein soll und der, der ein Zuviel an Gefühl in sich trägt jedoch nicht?

Abstreiten möchte ich keinesfalls, dass beides ab einem gewissen Grad oder ab einem Übermaß zu psychischen Erkrankungen führen kann. Dies gilt dann aber für beide Extreme gleichermaßen und nicht nur für den, der für uns am wenigsten bequem ist. Auch ein Empath kann für andere Menschen durchaus die Hölle sein.

Nehmen wir also an, ein Mensch (ein von uns benannter Narzisst) merkt, und das wird er irgendwann zweifellos, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Nicht in dem Sinne richtig ist, wie es die Gesellschaft verlangt und er stößt auf viele Zwischenmenschliche Probleme. Entweder klären andere ihn auf oder er informiert sich selbst. So findet zu dem angeblichen Krankheitsbild, der „Narzisstischen Persönlichkeitsstörung“. Wie wunderbar denkt er sich vielleicht, ja das bin ich, aber eigentlich kann ich nichts dafür, denn ich bin ja krank und für seine Krankheit kann niemand etwas.

Ist damit nicht schon die Chance zur Veränderung verbaut? Gerade er würde doch jetzt nicht losziehen, um sich von einem Therapeuten behandeln und in andere Bahnen lenken zu lassen. Und dafür, dass es eine Krankheit oder Störung sein soll, gibt es weder die dementsprechenden psychologischen und wissenschaftlichen Befunde, noch kann für meine Begriffe jemand mit hundert prozentiger Sicherheit sagen, dass es wirklich eine Krankheit ist. Zu Unerforscht ist das menschliche Gehirn, sowie die Psyche.

Was wäre, wenn auch bei einem Menschen, der von uns Narzisst genannt wird, mit seinen Gehirnwindungen alles in Ordnung ist? Schließlich erweckt er nicht den Eindruck, dass er nicht klar denken könne oder nicht unterscheiden könne, was richtig und falsch ist. Oftmals sind diese Menschen sogar in der Lage ihr Leben weitaus besser, strukturierter und geradliniger zu gestalten, als es den meisten anderen möglich ist, sodass zumeist erst dann auffällt, dass sie auf ihre Weise anders sind, wenn man ihnen Gefühlsmäßig zu Nahe kommt.

Auch im Hinblick auf Narzissten dürfen wir abrücken von unserem Schubladendenken, von diesem ständigen Urteil von schwarz und weiß, richtig oder falsch und auch Narzissten sind nicht zwangsläufig für den Krieg und das Leid der Welt verantwortlich, zumindest nicht jeder. Auch sie können sich ändern, wenn der Leidensdruck, der ganz zwangsläufig auch bei ihnen entsteht, groß genug wird. Aufgrund fehlender Empathie oder Emotionen, kann es nur eben ein wenig länger dauern. Doch auch sie tragen die Weisheit ihrer inneren Quelle in sich.

Nehmen wir uns Donald Trump zum Beispiel, insofern man ihn wirklich beurteilen kann, denn wer von uns kennt ihn schon persönlich und wirklich. Doch das was er nach außen hin repräsentiert, lässt tatsächlich auf eine psychische Erkrankung schließen, da hier Verhaltensweisen und Sichtweisen dargestellt werden, die absolut grenzwertig und vor allem gefährlich für andere sind. Vorhanden in einem absolut ungesunden Übermaß.

Jetzt ist aber nicht jeder Narzisst ein Donald Trump, nicht bei jedem sind die Verhaltensauffälligkeiten so ausgeprägt. Kann und muss man dann sofort von einer Krankheit sprechen? Und müsste dann nicht ein Buddha oder Mahatma Gandhi, um nur zwei von ihnen zu nennen, eine empathische Persönlichkeitsstörung gehabt haben?

Überall findet man Listen, sogenannte Tests, bei denen man durch die verschiedensten Fragen auch als Laie eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostizieren kann. Doch was ist der Sinn? Nicht alle Punkte und Kriterien dieser Liste müssen erfüllt sein, es reichen schon ein paar. Dies führt dann dazu, dass Paare eine Erklärung für das unmögliche Verhalten (in deren Augen) ihres Partners finden möchten. Eine mit der es ihnen besser geht. Sie stoßen auf solch eine Liste, kreuzen fleißig an, mit dem Ergebnis, „Aha, er oder sie ist also krank.“

Wo bleibt dann hier noch Raum für Veränderung? Der eine sagt sich, „Gut alles klar, ich kann gar nicht schuld sein, es ist alles seine Schuld, denn er ist ja krank.“ Verlangt wird wahrscheinlich sogar der Besuch beim nächstbesten Psychologen, mit der dazugehörigen Therapie, unter Androhung der Trennung, falls dem nicht folge geleistet wird. Der andere meint aber ebenso, er trage keine Schuld, er kann nichts dafür, denn schließlich ist er ja krank und der Versuch daran etwas zu ändern vergeblich, denn diese Krankheit kann man nicht so einfach heilen. Also kann wieder nur der andere Schuld sein, denn schließlich ist er es ja, der mit dieser Krankheit nicht zurechtkommt.

Jedoch ist niemandem damit geholfen, denn das Leid und der Schmerz bestehen fort, bei allen Beteiligten zu gleichen Teilen, nur auf verschiedenen Ebenen. So kann doch nichts und niemand heilen.

Meine Wahrheit ist die, in der ich sehr der Theorie von Martin Uhlemann folge und was auch Margret Paul und Erika Chopich als anerkannte Psychologen lehren, dass Narzissmus nicht mehr und nicht weniger ist, als eine in der Kindheit erlernte Strategie, um sich selbst das Überleben zu sichern, da wir alle angewiesen auf und abhängig von der Liebe und Fürsorge unserer Eltern waren. Genauso entwickelten sich Empathen auch. Genauso entwickelten sie eine für sie anwendbare Strategie zum Schutz vor den Übergriffen anderer und der Hilflosigkeit, Schmerz und Leid nicht verhindern oder ertragen zu können.

Ich möchte Empathen keinesfalls als die besseren Menschen darstellen, da es mir nicht zusteht, das zu beurteilen. Doch werden sie längst nicht so verurteilt, wie der Narzisst, denn für die meisten sind sie recht bequem. Der Narzisst ist das oft nicht. Die Einteilung in Gut und Böse, Richtig und Falsch, halte ich für schlichtweg daneben.

Wie könnte es sonst so sein, dass sich sehr viele Menschen in Narzissten verlieben?

Der eine ist nicht Täter, der andere nicht Opfer. Beide sind auch als Erwachsene noch, kleine, zutiefst verletzte Kinder. Gleichermaßen Liebenswert, gleichermaßen Wertvoll und gleichermaßen Mensch.

6 Comments on “– Narzisstische Persönlichkeitsstörung –

  1. Das ist wohl wahr. Narzisstische Menschen sind sehr anstrengend, und trotzdem auch liebenswert. Viele verlieben sich in einen Narzissten, weil er sich aus seinem Wesen so verhält, wie man es sich selbst nie trauen würde. Es ist immer das Gegensätzliche was eine große Anziehungskraft ausübt.

    Gefällt 2 Personen

  2. Es ist eine Unart unserer Zeit, alles außerhalb der Norm als krank zu bewerten: sehr lebendige Kinder, Einsiedler, Asperger-Autisten und auch Narzissten. Darüber hinaus wird zu schnell ein Stempel aufgedrückt. Ist ja auch bequem. So nimmt man – wie du ja auch sagst, sowohl Verantwortung als auch Chance, sich zu ändern.
    Nicht jeder Mensch, der eigensüchtig handelt, ist ein Narzisst so wie nicht jede depressive Verstimmung eine Depression ist, nicht jede Erschöpfung ein Burn-Out. Differenzierung und das Beachtung der jeweiligen Ausprägung erscheint mir nötig.
    Allerdings hat nicht jeder narzisstische Mensch das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Eher ist er oft der Überzeugung, dass mit allen anderen etwas nicht stimmt. Mit einer gehörigen Portion an Theatralik und Verdrängen kann dann jedes Ereignis, jede Erfahrung kreativ umgedeutet werden. Das funktioniert u. U. bis zum Lebensende. Als Partner kann man sich trennen, wenn es zu schmerhaft wird und auch die Kinder zu sehr leiden. Als Kind sich von der Mutter zu trennen, gerade wenn sie dann auf Hilfe angewiesen ist, kann zumindest ich nicht. Das widerspricht meinem Gefühl von Menschlichkeit.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: