– Gefühle annehmen –

Antriebslosigkeit, innere Unruhe, Unzufriedenheit, Sorgen und Ängste, sind Anzeichen dafür, dass in unserer Seele etwas nicht in den Bahnen läuft, wie wir uns das vorstellen oder wünschen. Dieses innere Ungleichgewicht, ist zugleich Ursache für viele unserer Probleme, da es uns nur noch schwer gelingt, andere Menschen und ihre Handlungen wirklich so zu sehen, wie sie sind oder das was sie tun nicht persönlich zu nehmen.

Wir sind angreifbar und verletzlich, zumindest glauben wir das, weil unser Innerstes uns das genau so suggeriert, doch eigentlich ist das nicht wahr. Wir spüren unsere Verletzlichkeit und beginnen uns zu schützen, ganz automatisch und ohne das wir uns dessen bewusst sind und projizieren all das, auf unsere Umwelt. Doch verstehen wir nicht, dass dieser Selbstschutz, den wir uns in unserer Kindheit zugelegt haben, nicht wirklich funktioniert, denn wir sind keine kleinen Kinder mehr.

Dennoch verhalten wir uns so und handeln nach dem, was unser inneres verletztes Kind uns sagt. Wir haben noch nicht verstanden, dass wir uns nicht schützen müssen, bzw. wenn wir es tun, ist es eigentlich so, dass wir uns vor uns selbst schützen, nämlich vor dem, was dieses kleine Kind uns zu sagen hat. Wir laufen davon, vor all der Wut, dem Schmerz, dem Zorn, der Traurigkeit, der Einsamkeit, der Leere in uns und all den anderen Dingen, die wir nicht bereit sind zu sehen und die wir nicht fühlen wollen.

Solange wir glücklich sind, scheint alles in einem Gleichgewicht zu laufen, wir sind in der Lage uns selbst und anderen Menschen freundlich und offenherzig zu begegnen und die Dinge so wahrzunehmen, wie sie wirklich sind. Besonders Verliebten gelingt es über die Macken und Fehler anderer Menschen hinweg zu sehen, denn ihr inneres Gefühl der Liebe, scheint so groß zu sein, dass es ihnen leicht fällt zu lachen, zu spielen und einfach sie selbst zu sein, auch wenn das Verliebt sein ein Zustand ist, der nicht sehr lange anhält und nicht die Lösung unserer Probleme darstellt.

Doch das Gefühl des Verliebt sein ist ein gutes Beispiel für innere Ausgeglichenheit und Ruhe, bis sich die ersten Probleme einschleichen. Damit kehren wir dann in die Realität zurück und beginnen mit dem, was wir ohnehin schon unser ganzes Leben lang tun. Wir schauen auf die anderen. Unsere Liebesbeziehungen sind ein perfektes Beispiel dafür, wie wir auch mit Menschen aus all den anderen Lebensbereichen umgehen, nur dass wir dort zumeist gefühlsmäßig nicht so involviert sind, dass es zu schwerwiegenden Verletzungen kommen könnte.

Nur Menschen, die uns emotional sehr nahe stehen, können uns wirklich verletzen, so glauben wir und auch das ist ein Trugschluss, denn in unserem heutigen Erwachsenen Dasein, hat niemand mehr die Macht uns zu verletzen, wenn wir es nicht zulassen. Wir selbst können entscheiden, wie wir auf Menschen und Situationen reagieren, doch in  der Regel begeben wir uns in die Opferrolle und haben so oft das Gefühl nichts daran ändern zu können. Quasi ein Opfer der äußeren Umstände zu sein und anderen Menschen in ihren Taten hilflos ausgeliefert.

Das liegt daran, dass wir uns viel zu wenig mit dem auseinandersetzen, was uns wirklich beschäftigt und was wir tief in uns fühlen. Wir laufen vor unseren Gefühlen und unserem Schmerz davon, weil wir glauben, wir wären dem nicht gewachsen, wenn wir sie fühlen würden. Wir wissen meist nicht genau, warum wir vielleicht traurig, ängstlich oder wütend sind und uns damit zu beschäftigen erfordert Mut. So gehen viele von uns immer den selben Weg, nämlich den, dass sie die Gründe für Ihr Unglücklich sein im Außen suchen, statt bei sich selbst.

So klagen wir andere an. Wir beschuldigen den Partner, die Kinder, die Eltern oder Großeltern, den Chef, die Kollegen oder Freunde. Wenn sie sich nur anders verhalten würden, wenn sie uns nur sehen und anerkennen könnten, wenn sie nur netter zu uns wären und uns die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die wir uns selbst nicht geben können, dann hätten wir ja keinen Grund uns schlecht zu fühlen und so geben wir ihnen die Schuld. Das wiederum führt dazu, dass wir gefangen in unserem Denken sind und daraus enstehen Handlungen, mit denen wir anderen ebenfalls Schmerz und Leid bereiten, auch wenn wir das vielleicht nicht wollen, doch das geschieht ganz automatisch. Nur wenn wir tief in uns selbst hinein schauen, können wir das verhindern, doch nur allzu oft wollen wir das gar nicht.

Wenn wir nicht wissen, warum wir leiden, können wir auch anderen kein Leid ersparen und geben es in irgendeiner Form an andere weiter. Nur wer Liebe wirklich fühlt und im gegenwärtigen Moment in sich trägt, kann anderen Menschen auch genau diese zukommen lassen. Dazu gehört in erster Linie, dass wir beginnen uns selbst zu lieben, mit unserem Kummer, mit unserem Leiden und all unserem Schmerz. Wir müssen aufhören davon zu laufen und irgendwelche Dinge, Fernsehserien Zeitschriften oder ähnliches zu konsumieren, um unsere Gefühle zu überdecken und den Schmerz nicht zu fühlen. Schmerz, Kummer und Leid gehören genauso zum Leben, wie Freude und Glück und um noch einen Schritt weiter zu gehen, könnten wir Freude und Glück ohne diese „Schattenseiten“ nicht erfahren. Schmerz, Kummer und Leid, sind unsere Lehrer, von denen wir lernen und mit denen wir wachsen können, zu dem Menschen, der wir innerlich wirlich sind.

Nur wenn wir wissen woher unser Leiden kommt, dann können wir heilen und dieses transformieren und nur so können wir auch in unserem Umfeld etwas ändern und bewirken. Wenn wir all unser Leiden annehmen und transformieren können, sind wir in der Lage für andere in gutem Beispiel voran zu gehen. Wenn wir unsere Sichtweise ändern, führt das dazu, dass uns auch andere anders sehen und dass wir andere anders sehen können. Die Menschen in unserem Umfeld sind niemals von grund auf schlecht. In der Regel tun sie auch nichts absichtlich, mit dem einzigen Ziel uns zu verletzen, sondern wenn das geschieht, so handeln sie auch nur aus ihrem eigenen Schmerz und Leid heraus, so wie wir es auch oft tun.

Veränderung kann und muss in erster Linie bei uns beginnen. Suchen wir die Gründe und Ursachen für unser Leid im Außen, kann keine Wandlung stattfinden und wir stecken fest. Nur wenn wir bei uns bleiben und in der Lage sind unseren Schmerz und unser Leid liebevoll anzunehmen und zu halten, so kann auch Veränderung im Außen stattfinden, ganz ohne dass wir dafür noch etwas anders tun müssen. Wenn wir bei uns bleiben und unsere Gefühle mit allen negativen Facetten annehmen, dann können wir tief sehen und verstehen, nämlich unter anderem, dass es nichts und niemanden gibt, der uns verletzen kann und vor dem wir uns schützen müssten, dass es keine wirklichen Fehler gibt und dass wir mit uns viel härter ins Gericht gehen, als wir es bei anderen täten.

Liebe kann nur in uns aus uns selbst heraus erwachsen und nur so sind wir in der Lage Liebe zu geben und auch zu empfangen. Jemand der sich selbst nicht liebt und somit nicht in der Lage ist zu lieben, wird das bei einem anderen auch nicht tun und schon gar nicht dessen Liebe empfangen können. Es ist dann nämlich keine wirkliche Liebe, sondern immer eine Form des Brauchens. Wir brauchen all das von anderen, was wir selbst nicht in der Lage sind uns zu geben.

2 Comments on “– Gefühle annehmen –

  1. Hm. Manch schöner Gedanke. Doch bei einem frage ich mich immer wieder, wie er in die Welt gekommen ist. Das ist der, dass man sich angeblich erst selber lieben muss, bevor man andere lieben kann. Meinst Du wirklich, z.B, im Mittelalter hatten die Frauen Zeit und Raum, sich selbst erstmal eingängig selbst studiert, alle ‚Schattenteile‘ zu integrieren und erst dann Kinder zu bekommen, um diese zu lieben? Ich denke nicht. Ich denke, jeder Mensch ist in der Lage, zu lieben, vollkommen unabhängig davon, ob er sich liebt oder nicht. Etwas anderes ist für mich, wenn jemand pathologische schlimme Kindheitserfahrungen machte. Das ist etwas anderes. Aber ansonsten – nein. Ich denke, Eigenliebe ist keine Vorrausstetzung zum Empfinden von Liebe für jemanden oder etwas.

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    • Vielen Dank für Deine Worte und Deine Meinung. Selbstverständlich erhebe ich auf meine Ansichten keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Es ist lediglich meine Wahrheit und die Art und Weise, wie ich die Dinge sehe. Jedem steht es frei, sich seine eigenen Gedanken zu machen, die Dinge auf die eigene Weise zu betrachten und frei nach der eigenen Wahrheit zu leben. Ich kann das sehr gut akzeptieren und respektieren, auch wenn es nicht meiner Sichtweise entspricht.

      Liebe Grüße Nicole

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