Opferbewusstsein

Colin C. Tipping. RADIKALE SELBST-VERGEBUNG

Liebe dich so, wie du bist, egal was passiert!

Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Schossig

Opfergeschichten sind nichts Ungewöhnliches. Wir können davon ausgehen, dass wir uns alle in vieler Hinsicht als Opfer sehen. Wir brauchen daher Vergebung, wie auch immer sie aussehen mag, um das Opferbewusstsein loslassen zu können. Eine Opfergeschichte beruht auf der Überzeugung, dass wir auf eine bestimmte Weise von jemandem verletzt wurden und daher nicht in Frieden leben können. Die anderen sind für unser Unglück verantwortlich. All dies ist Teil dessen, was wir »Opferbewusstsein« nennen. Was können wir uns darunter vorstellen?

Opferbewusstsein ist eine Einstellung, die bewirkt, dass wir uns ständig als Opfer anderer sehen: unserer Mitmenschen, der Regierung, der Gesellschaft im Allgemeinen. Alles, was in unserem Leben nicht gut ist, hat seine Ursache in allem und jedem »da draußen«, statt »hier drinnen«. Auf uns selbst bezogen ist Opferbewusstsein die Überzeugung, dass »alles meine eigene Schuld« ist.

Entstehung des Opferbewusstseins

Ich bezweifle, dass das Opferbewusstsein ein Teil unserer frühen Stammeskultur war. Da das Überleben des Stammes auf Zusammenarbeit und gegenseitiger Abhängigkeit beruhte, konnte man es sich nicht leisten, Zeit damit zu vergeuden, sich gegenseitig zu beschuldigen und die Verantwortung auf andere abzuschieben. Wenn es Probleme gab, mussten sie unverzüglich innerhalb der Stammesgemeinschaft gelöst werden. Wahr-scheinlich war man mit dem Prinzip vorbeugender Vergebung bestens vertraut.

Mit dem Aufkommen von Stadtstaaten vor etwa 15 000 Jahren wurde alles anders. Wo früher einvernehmliche Zusammenarbeit möglich gewesen war, hatten nun wenige Macht und Einfluss über viele. Das Volk verlor seine Autonomie, wurde ausgebeutet und entmachtet. Das Opferbewusstsein wurde zur vorherrschenden Lebensform. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Opferbewusstsein basiert auf Angst. Es führt zu Kriegen, Kämpfen, Gier, Eifersucht und all jenen Dingen, die dem Frieden und der Harmonie in der Welt entgegenstehen. Es ent-machtet nicht nur die Opfer und die Unterdrückten, sondern auch diejenigen, die ihre Mitmenschen zu Opfern machen und Macht über sie ausüben. Opferbewusstsein vergiftet das Leben, körperlich, emotional und spirituell.

Das Bedürfnis nach Vergebung

Noch vor zwanzig Jahren war das Interesse an Vergebung relativ gering. Das lag sicher auch daran, dass man dachte, um wirklich vergeben zu können, müsse man fast ein Heiliger sein. Für gewöhnliche Menschen war es jedenfalls zu viel verlangt. Dies hat sich jedoch geändert. Mittlerweile sind wir uns alle einig, dass jeder Mensch zumindest versuchen sollte zu vergeben. Wir wissen, dass Vergebung gut für uns ist. Selbst wenn weiterhin unklar ist, wie man Vergebung erlangt, sind ihre positiven Auswirkungen unbestritten.

Es gilt mittlerweile als sicher, dass ein Festhalten an Ärger und Verbitterung sehr schlecht für die Gesundheit ist und schwere Erkrankungen wie Krebs und andere hervorrufen kann, ganz zu schweigen von weniger lebensbedrohlichen, aber sehr unangenehmen Nebenerscheinungen. Verbitterung ist hochgiftig.

Eine weitere positive Auswirkung des Vergebens ist, dass man seine Energie anschließend auf die Gegenwart konzentrieren kann, statt an der Vergangenheit festzuhalten. An Verbitterung festzuhalten ist eine gewaltige Energieverschwendung. Wenn Sie vergeben, erhalten Sie diese Energie zurück und können sie verwenden, um Ihr Leben so zu gestalten, wie Sie es sich in Zukunft wünschen. Zweifellos werden sich dadurch auch Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen, zu Hause wie am Arbeitsplatz, verbessern, weil der Umgang mit Ihnen nun sehr viel angenehmer ist…

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