– Lerne von Deiner Wut –

Wenn wir uns entschlossen haben, mit unserer Wut zu arbeiten, dann sind wir schon einen entscheidenden Schritt voran gekommen. Wir haben uns entschieden, wenigstens die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sich hinter all der Wut noch viel mehr verbirgt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Wir haben verstanden, dass sie Geschenke für uns bereit hält, die es auszupacken gilt und wir haben verinnerlicht, dass sie nicht unser Feind ist, sondern ein liebender Begleiter und Freund in unserem Leben. Wir sind bereit ihr zuzuhören und zu erkennen, was sie uns lehren möchte und wissen, dass ihr Dasein berechtigt ist und sie unsere Liebe und Annahme verdient.

Wenn wir wütend sind auf uns selbst oder andere oder eine bestimmte Situation, dann sind wir tief verwurzelt in unserer Opferrolle, die wir uns selbst auferlegt haben. In der Opferrolle bleiben wir so lange gefangen, weil wir an unseren Ansichten und Meinungen, Glaubenssätzen und Wahrnehmungen festhalten und diese nur schwer loslassen können.

Diese Ansichten und Meinungen, Glaubenssätze und Wahrnehmungen, entstanden zunächst in unserer frühesten Kindheit, durch unsere Eltern und nächsten Bezugspersonen, was keinesfalls als Schuldzuweisung zu verstehen ist. Desweiteren begleiten uns diese schon unser ganzes Leben und vervollständigten unser Denken bis heute, aus allem was wir bisher erfahren und erlebt haben. So wie wir alle verschieden und einzigartig sind, sind es auch unsere Glaubenssätze über uns selbst, so wie unsere Sichtweisen und Wahrnehmungen.

Das bedeutet, dass eine Situation in erster Linie immer nur aus dem besteht, was wir in ihr sehen und wir in sie hinein interpretieren. Das sieht dann bei jedem von uns selbstverständlich anders aus.

Ein Beispiel:

Mutter und Tochter geraten aneinander. Der Teenager kommt von der Schule nach Hause, ringt sich gerade noch so ein Guten Tag ab, gibt patzige Antworten und lässt seine schlechte Laune ganz ungebremst an der Mutter aus. Die Mutter bezieht das auf sich, fühlt sich verletzt und von ihrer Tochter respektlos behandelt, also tadelt sie ihr Kind. Die Tochter ist nun völlig entrüstet über das Verhalten der Mutter, läuft wütend und weinend ins Zimmer und die Mutter bleibt genauso ärgerlich und verständnislos zurück. Das Drama ist also perfekt, denn jeder sitzt jetzt in seiner Ecke und schmollt.

Jeder von uns, der Kinder hat, wird wohl beide Seiten für sich sehr gut verstehen können, weiß aber auch, wie sehr man in seiner eigenen Sichtweise der Situation gefangen sein kann, was zu Wut führt. Beide bestehen darauf im Recht zu sein, solange bis einer der beiden nachgibt, sich vielleicht entschuldigt und dann geht der normale Alltag weiter. Im besten Fall.

Was ist hier nun wirklich passiert:

Die Tochter fühlt sich zu Unrecht getadelt und noch mehr ungeliebt und unverstanden, als es bis dahin schon der Fall war. Eigentlich hatte sie es der Mutter gegenüber nicht böse gemeint. Es gab Streit mit einer Freundin in der Schule, noch dazu hagelte es eine schlechte Klausurnote und auf dem Heimweg kam sie in einen heftigen Regen, sodass die Kleidung und auch die Schulsachen völlig durchnässt waren. Da würde vielleicht jeder schlechte Laune bekommen und gerade Teenager haben oft noch gar nicht gelernt mit ihren Gefühlen, vor allem aber mit Ärger und Wut gut umgehen zu können, noch dazu bekommen sie für ihre Gefühlsausbrüche in einer Tour auf den Deckel, denn bei uns Erwachsenen ist das nicht erlaubt.

Die Mutter hingegen hatte einen einigermaßen schweren Arbeitstag, der eine Kollege war heute auch nicht besonders nett zu ihr, der Mann ließ morgens mal wieder die Kaffeetasse stehen, sodass sie das Gefühl hatte, sie redet sich Fusseln an den Mund und keiner nimmt sie ernst. Die Tochter macht mit ihrer Laune, die sie glaubt in ganzer Bandbreite ertragen zu müssen, den Tag perfekt und das Gefühl von Respektlosigkeit anderer ist komplett. Aus ihrer Sicht verdient sie ein wenig Mitgefühl und die Tochter hätte ja wenigstens mal nach ihrem Tag fragen können, so wie sie meint, es sei wohl nicht zuviel verlangt, dass der Herr des Hauses seine Tasse in den Geschirrspüler räumt. Sie fühlt sich angegriffen und geht zum Gegenangriff über, natürlich völlig unbewusst.

Beide Seiten beinhalten eine völlig normale menschliche Reaktion, mit ebenso normalen und alltäglichen Sichtweisen, die jedoch nicht unterschiedlicher sein könnten. Doch was könnte hier noch passiert sein?

Was wäre, wenn die Tochter sich ungeliebt und unverstanden fühlt, weil sie selbst so viele Dinge an sich blöd findet und nicht liebt und sich selbst schon aufgrund der vielen Hormone oft nicht versteht. Dann wäre ihre Mutter ihr Spiegel, in den sie direkt hinein sieht.

Was wäre wenn die Tochter den Tadel ihrer Mutter als ungerecht empfindet, weil sie sich selbst gegenüber oft hart und ungerecht urteilend ist? Dann wäre das ebenfalls der Spiegel.

Was wäre, wenn die Mutter das Verhalten ihrer Tochter als Respektlos empfindet, weil sie sich oft selbst nicht respektiert und ihre Bedürfnisse hinter die der anderen stellt? Dann wäre der Kollege und auch die Tochter oder der Mann ihr Spiegel.

Was wäre, wenn die Mutter von ihrer Tochter das Mitgefühl erwartet, dass sie sich selbst nicht in der Lage ist zu geben und somit auch von der Tochter nicht bekommt. Ebenfalls wäre ihr Kind dann der Spiegel.

Und so gibt es ganz viele verschiedene Sichtweisen der Situation, aus denen heraus es gelingt, die Opferrolle fallen zu lassen und Mitgefühl und Verstehen zu entwickeln. Dazu bedarf es noch nicht mal eines klärenden Gesprächs, sondern nur die Bemühung darum, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass hinter der Bühne etwas anderes geschieht.

Es ist eine Situation, die wir selbst erschaffen haben, um an ihr und uns zu lernen, nämlich in erster Linie über uns selbst. Wenn wir uns über einen anderen Menschen ärgern oder wütend sind, dann dürfen wir uns zuerst vor Augen halten, was genau es ist, dass uns an dem anderen stört und ärgert. Dann können wir uns fragen, welche Aspekte in mir sind es, die diese Situation oder der andere Mensch anspricht, die ich an mir selbst ablehne und mich weigere zu lieben.

So kreieren wir jeden Tag viele neue und weitere Situationen, die uns genau diese Gelegenheit bieten, nämlich viel über uns selbst zu erfahren. Verharren wir aber in der Opferrolle, aus Anklage und Schuldzuweisung, egal ob andere oder uns selbst betreffend, wird uns das tiefere Sehen nicht gelingen. Wir werden weder in der Lage sein den anderen zu sehen und zu verstehen, noch uns selbst.

Daraus entsteht es zumeist, dass wir die Wut unterdrücken. Indem wir dem anderen die Schuld geben, versuchen wir uns ein klein wenig besser zu fühlen und das Gefühl der Wut wird kurzfristig verschwinden. Doch wir werden solange neue Situationen und Gelegenheiten schaffen, bis wir das zu lernende gelernt haben und erst dann werden wir in der Lage sein, Aspekte unserer Schattenseite anzunehmen und zu lieben. Dass ist unser Weg.

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