Kapitel meines Lebens…

Aufgewachsen bin ich an einem kleinen Fleckchen Erde, in einem kleinen Ort, den ich heute unendlich liebe und meine Wurzeln nenne. Zu diesem kehre ich auch immer wieder gern zurück. Mein zu Hause, meine Heimat, mein Seelenfrieden, mein Ruhepunkt.

Als Kind habe ich diesen wundervollen Ort nur allzu sehr gehasst. Meine Mum war schwerst Alkoholkrank und damit einher gingen tägliche Schläge. Meine Kindheit war die Hölle, geprägt von Wut und Hass.

Mein Vater verließ uns, als ich vier Jahre alt war. Zurück blieben meine Mum, meine Schwester und ich. Wir hatten nichts, außer der paar Kleidungsstücke und ein Bettchen in dem wir schliefen. Mum war völlig überfordert, verlassen und allein und so flüchtete sie sich in den Alkohol.

Meine Schwester erlebten täglich schlimmste Beschimpfungen, Erniedrigungen, Herabsetzung und vor allem Schläge. Einmal ist meine Schwester fast gestorben, weil man versuchte sie in der Badewanne zu ertränken und ich stand daneben und tat absolut nichts. Da war ich vielleicht sechs oder sieben Jahre alt und sie ein Jahr jünger als ich.

Wir wurden in den Keller gesperrt, wenn wir etwas falsches sagten oder taten, nach der Schule hatten wir schwere Arbeit zu verrichten, denn es gab den Bauernhof, von dem wir lebten und aßen. Das meißte Geld ging für den Alkohol drauf, den Mum täglich brauchte und auch wenn es ihr noch gelang zur Arbeit zu gehen, schlief sie danach nur, weinte oder sie hasste uns so sehr, dass ich mich nur an wenige glückliche Momente erinnern kann.

Im Laufe der folgenden Jahre wuchs also auch mein Zorn und Hass. In der Schule waren wir Außenseiter, denn jeder wusste woher wir kommen und niemand wollte mit uns zu tun haben. Also waren das heute benannte Mobbing und Schläge nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule an der Tagesordnung. Damals war alles noch sehr viel anders als heute und auf viele Dinge wurde nicht so viel Augenmerk gelegt.

Bis ich dreizehn war, erlebte ich ständige Gewalt, die ich an meine jüngere Schwester stets weiter gab, denn sie war der einzige Mensch in meinem Leben, der mir unterlegen war. Mit 13 folgte bei mir ein sehr gravierender Wandel. Ich rastete das erste Mal in meinem Leben völlig aus. So war die erste Anzeige wegen Körperverletzung gebohren.

Der einzige Lichtblick in meinem Leben, das einzige Glück, der einzige Teil der mich bedingungslos liebte und mit dem ich so gern meine Zeit verbrachte, war mein Hund. Ich glaube er ist der Grund, dass ich heute in völliger Glückseeligkeit mit drei Hunden zusammen lebe und unendlich viel lerne…

Aber auch er konnte nicht verhindern was kommen musste. Ich wurde ein Teenie und begann wegzulaufen. Dem Elend zu entfliehen. Das erste Mal zu meinem leiblichen Vater, der mich nicht bei sich haben wollte, also wurde ich wieder nach Hause gebracht.

Ich lernte einen zwanzig Jahre älteren Mann kennen. Mit dem lief ich erneut weg und so hatte ich das berühmte „erste Mal“. Nach ein paar Tagen von der Polizei eingesammelt und wieder nach Hause gebracht, stellte sich heraus, dass dieser Herr im Gefängnis saß, wegen Diebstahl und Vergewaltigung und ein erneuter Haftbefehl vorlag. Mich hat das damals nicht besonders gekümmert, doch wahrscheinlich zu meinem Glück, sah ich ihn nie wieder.

Wieder zu Hause ging mein Leben in Gewalt und mit sexuellen Übergriffen weiter. Also entschied ich mich ins Kinderheim zu gehen, sprach beim Jugendamt vor und war zu Hause raus. Kurz und knapp… Die richtigen Leute kennen gelernt, Anzeige wegen Diebstahl an der Backe, aus dem Heim rausgeflogen, ab nach Hause…

Das alte Spiel ging also weiter…

Mum war dann wohl irgendwann, nachdem sie die ein oder andere gescheiterte Entgiftung hinter sich hatte an dem Punkt, wo es nicht mehr vor und zurück ging. Der Entschluss lautete Langzeittherapie ziemlich weit weg. Sie hat nicht mit uns darüber gesprochen. Sie war einfach weg und Oma und Onkel plötzlich da. Für mich ein Lichtblick, denn ich hasste sie, wollte sie nie wieder sehen und war froh, dass sie weg war. Ich dachte, ab nun wird alles besser…

Das Leben sollte mich eines besseren belehren…

Zu Anfang lief alles gut, doch dann folgte die gewohnte Gewalt. Dem folgte der Rauswurf, der mich in einer Nacht und Nebelaktion, nachdem ich eine Bierflasche über den Schädel gezogen bekam und die Treppe hinauf getreten wurde, meine Sachen packte und einfach ging. Nicht heimlich, sondern ganz offiziell im Beisein aller lief ich mitten in der Nacht los.

So kam ich zu Pflegeeltern. Sie waren die Eltern meines damaligen besten Freundes und nahmen mich in ihrer Herzensgüte auf. Streng katholisch, mit ganz vielen Regeln und der Vater schwer Alkoholkrank, aber für zwei Jahre nahm mein Leben Struktur an. Ich hatte zum ersten Mal Freunde und ein geregeltes Leben und sie sorgten dafür dass ich mein Abitur machte, einfach weil sie wussten, dass ich es kann.

Mum war nun trocken und hatte einen neuen Mann. Der Mensch, den ich heute meinen Papa nenne. Als ich 16 war zog es mich zurück zu meinen Wurzeln, es begann viel Veränderung, ich hatte eine neue Familie und Mum war endlich der Mensch, der sie war. Nichts desto trotz zog ich ziemlich bald in meine eigene Wohnung und trotzdem ich mein Abitur machte und später meine Ausbildung, war mein Leben immernoch geprägt von Gewalt und Hass.

Freunde fand ich in der rechten Szene. Zeitweise lief ich mit Pistole in der Hose rum. Mit 17 das erste Mal schwanger. Anzeigen wegen Körperverletzung, Fahren ohne Führerschein, mal hier einen Garten verwüstet und dort Sachbeschädigung betrieben. Reifen zerstochen… Die Liste der Ereignisse und allem was sich so abspielte ist undendlich lang…

 

Ich heute… Ich liebe mein Leben. Ich liebe meine Eltern, insbesondere meine Mum und habe ein mega gutes Verhältnis. Wir funktionieren als Familie, unterstützen uns wo wir nur können. Wir sind immer füreinander da. Ich liebe meine Schwester, meinen Neffen und meine Nichte. Mein Mann ist auf seine Weise ein ganz besonderes Highlight in meinem Leben, dem ich zutiefst für alles bisher erlebte und Geschehene danke. Ohne ihn und dem wie er ist und was er ist, wäre ich heute niemals der Mensch der ich bin.

Das absolut größte und beste, was ich jemals in meinem Leben hervorgebracht habe, ist meine geliebte Tochter. Heute 18 Jahre alt. Allein die Tatsache, dass sie vor so vielen Jahren in meinem Bauch heranwuchs, hat mein Leben so sehr verändert, dass ohne sie ohne ihr Zutun, nur mit ihrem Dasein mir das Leben gerettet hat.

Ich lebe quasi in einem Rudel mit drei Hunden, die mich neben meinen wundervollen Eltern und meiner großartigen Familie gelehrt haben, was Liebe ist. Ich darf von ihnen so viel über Vertrauen, den eigentlichen Sinn, den Moment und noch so viel mehr Dinge lernen.

Ich lebe in einem wundervollen und herrlich schönen Zu Hause, mit einem großen Garten, den ich sehr liebe, direkt am Rand von Feld und Wald. Verbunden mit der Natur und der Möglichkeit mich immer wieder selbst neu zu erfinden.

Berufsmäßig habe ich viel Veränderung erfahren, viel gelernt und auch darüber wie wichtig es ist, dass zu tun, was man wirklich mag. Mittlerweile kann ich ziemlich viele Dinge wirklich gut und liebe jede einzelne Tätigkeit…

Mein größter Schatz, nämlich mein Kind hat mich vor so unendlich viele Herausforderungen gestellt, die doch alle gemeistert wurden. Heute sind wir zwei unzertrennlich und es gibt nichts und niemanden, der sich zwischen uns stellen kann. Jeder darf auf seine Weise anders und einzigartig sein und dennoch sind wir eins. Das selbe gilt für meine geliebte Mum. Den besten und herzensguten Menschen, die liebe Oma, die immer da ist, sich für alle aufopfert und die meine vermeintlichen Lehren doch so sehr gut annimt.

Mami ich liebe Dich und bin unendlich Dankbar für alles was wir gemeinsam geschafft und erreicht haben und besonders dafür, dass Du bist wie Du bist und ich sein darf wie ich bin…

Mein Leben ist selbstverständlich nicht perfekt. Wie könnte es. Man kann in ständiger Veränderung nur die eine Perfektion finden und die ist die des Jetzt und des Annehmens. Wer glaubt, dass in der Zukunft alles besser wird, weil in der Vergangenheit alles schlecht war und das Jetzt völlig überrennt, dem kann ich nicht besonders viel geben und er wird hier nichts finden, dass er für sich brauchen kann…

Verweile nicht in der Vergangenheit, träume nicht von der Zukunft. Konzentriere Dich auf den gegenwärtigen Moment.

Jedes Leben hat sein Maß an Leid. Manchmal bewirkt eben dieses unser Erwachen.

Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklich- sein ist der Weg.

Wenn Du ein Problem hast, versuche es zu lösen. Kannst Du es nicht lösen, dann mache kein Problem daraus.

                                                        Buddha

 

5 Comments on “Kapitel meines Lebens…

    • Vielen Dank… 🙂 Ich denke jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich und es nützt nichts sich hinter der Vergangenheit oder den Erlebnissen der Kindheit zu verstecken. Das alles ist längst vorbei. Der Schüssel liegt im Hier und Jetzt.

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      • …..und bei dir. ich mag es auch gar nicht, wenn jemand immer auf schuldige seiner kindheit zeigt, um sich zu entschuldigen. dennoch ist es ein echter kraftakt, sich davon freizuschwimmen.

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      • Ja da hast Du völlig recht. Es ist tastsächlich kein leichter Weg. Auch kein Prozess, bei dem man irgendwann morgens aufsteht und fertig ist. Das Leben ist eben lernen und wachsen, jeden Tag neu. Aber man kann es schaffen die Vergangenheit loszulassen und sein Glück finden. In den kleinen Dingen, in der Schönheit des Lebens. Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Weil ich selbst wählen kann…

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