Den Eltern vergeben

Genau damit tun sich viele von uns sehr schwer, wobei es keine Rolle spielt, ob unsere Eltern noch am Leben sind oder nicht. Doch eigentlich ist es gar nicht so schwer, wie wir glauben, wenn wir verstehen, dass es nichts zu vergeben gibt.

Ich gehöre zu den vielen von uns, die ganz sicher keine rosige Kindheit genossen haben. Das ließ mich einige Jahre nicht los und stellte ein riesiges Problem für mich dar. Selbst als meine Tochter geboren wurde, war meine einzige Absicht alles, aber wirklich alles anders und besser machen zu wollen. In mancher Hinsicht gelang mir das und in anderer bin ich familiären Mustern gefolgt und hab es eigentlich genauso gemacht, wie ich es in meiner Kindheit erlernte.

Heute gehöre ich zu den Menschen, die an Reinkarnation glauben, daran dass unsere Seelen miteinander verbunden und wir so unsterblich sind. Dazu gehört auch, dass ich glaube, wir sind nicht einfach nur so geboren worden, sondern sind hier her gekommen in vollem Bewusstsein wo wir geboren werden möchten, mit welcher Haautfarbe und Nationalität, in welchem Land, und auch in welcher Familie. Wir haben uns unsere Eltern also selbst ausgesucht, denn wir sind hier her gekommen, um zu lernen und unsere Aufgaben zu erfüllen.

Ob Du daran glaubst oder nicht, spielt in diesem Zusammenhang jedoch gar keine Rolle, denn es ändert nichts an der Tatsache, dass es nichts gibt, dass wir unseren Eltern vergeben müssten oder sollten. Wenn Du vielleicht selber Kinder hast, wirst Du wissen, dass Kindererziehung bestimmt keine leichte Aufgabe ist und das dumme ist, dass bei der Geburt unserer größten Liebe leider kann Handbuch mit dabei war. So wirst Du wissen, dass Du in jeder Situation Dein Bestes gegeben hast, so gut Du es in diesem Moment eben leisten konntest.

Natürlich sitzen wir manchmal im Nachhinein und denken über die Situationen nach, in denen wir hätten anders handeln sollen. So empfinden wir also Schuld. Doch eigentlich ist das eine Lüge, mit der wir uns etwas vor machen. Denn hätten wir anders handeln können, hätten wir es auch getan. Niemand entscheidet sich dazu etwas falsch zu machen, wenn er weiß wie es richtig ist und auch dieses „Richtig oder Falsch“ entsteht nur aus unseren ganz eigenen Bewertungen.

Genauso ist es mit unseren Eltern doch auch. Wenn wir noch klein sind, dann sind unsere Eltern unsere Götter und je älter wir werden, desto mehr kommt die Ernüchterung, dass sie eben keine sind. Nur ganz normale Menschen, wie wir alle, die ebenso wie wir natürlich auch mal Fehler machen. Fehler, die vielleicht gar keine sind, denn das ist wieder nur unser Urteil.

Nehmen wir mal ein krasses Beispiel. Angenommen, Du bist von einem Elternteil oder auch von beiden misshandelt, geschlagen, herabgesetzt, in den Keller gesperrt oder anderweitig gequält worden. Schließlich gibt es ja nicht nur körperliche, sondern auch psychische Gewalt. Wenn Du einmal in Deiner Familiengeschichte rumstocherst, wirst Du sehr wahrscheinlich in Erfahrung bringen, dass es Deinen Eltern als Kindern nicht anders erging.

Zum einen lag das an der damaligen Zeit, denn unsere Eltern waren alle Kinder der Nachkriegsjahre. Jahre in denen viele mit Umständen im Außen zu tun hatten, die für uns heute gar nicht mehr vorstellbar sind und innerlich waren sie voller Wut, Zorn und Hass. Dabei rede ich nicht nur von den direkten Jahren nach dem Krieg, sondern von Jahrzehnten. Desweiteren war es zu dieser Zeit einfach üblich, dass man seine Kinder mit Härte und Schläge erzog. Es war nichts anderes bekannt. Ich weiß von meiner Mum, dass sie in der Schule noch mit dem Rohrstock vom Lehrer geschlagen wurde. Heute wäre sowas unvorstellbar.

Damals gab es auch noch kein Internet oder Ratgeber, wo man sich belesen konnte oder Anlaufstellen, wo man sich Hilfe suchen konnte. Man konnte noch nicht mal mit anderen darüber sprechen, denn zum einen erzogen ja alle ihre Kinder so und zum anderen war es nicht üblich, denn was in der Familie hinter verschlossenen Türen geschah, dass blieb auch dort und das ist teilweise sogar noch bis heute so.

Jetzt frage ich Dich, wie soll ein Mensch, der unter solchen Umständen groß geworden ist und selbst solches Leid erfahren hat, es bei seinen eigenen Kindern besser machen? Wie kann man sein Kind in Liebe, Wertschätzung und Respekt erziehen, wenn man gar nicht weiß wie das geht? Unsere Eltern tragen genauso noch den Schmerz ihrer Kindheit in sich, wie wir es auch Jahrelang taten oder noch tun und plötzlich klagen wir sie an. Wir klagen sie an und verurteilen sie, ohne eigentlich in sie hinein sehen zu können und zu wissen, wieviel Schmerz und Leid sie eigentlich fühlen, wieviel Angst und Schuld sie mit sich herumtragen und noch vieles mehr.

Einige werden jetzt sagen, dass wenn sie selbst solches Leid erfahren haben, hätten sie es erst recht besser und anders machen müssen. Doch das ist nicht wahr. Ich kann nur etwas anders und besser machen, wenn ich auch weiß, wie ich das tun kann und für viele ist es gar nicht so leicht. Schuld, Wut, Zorn, Hass, Ablehnung und all diese Dinge haben sie gelernt, aber ich kann doch nur Liebe geben, wenn ich auch weiß, wie man das tut. Wie sonst kommt soll es möglich sein, dass nicht selten ein Kind, dass Missbrauchsopfer war, als Erwachsener zum Täter wird. Weil eben diese gelernten Gefühle überwiegen und diese Menschen nicht besser damit umgehen können.

Erst unserer Generation ist es möglich Dinge heute anders zu machen. Weil in den vergangenen Jahren durch die schnelle technologische Entwicklung viele Dinge öffentlich wurden. Weil es Menschen gibt und gab, die ihre schlimme Kindheit nutzen um dazu beizutragen, dass es anders läuft. Sie schreiben Ratgeber und Bücher, in den Medien wird viel mehr berichtet. Es gibt Anlaufstellen, an die man sich wenden und Hilfe suchen kann. Dennoch gibt es auch heute noch genügend Familien, in denen die Trauma der elterlichen Kindheit immernoch weiter gelebt wird, einfach weil diese Menschen nicht wissen, wie sie es anders leben können.

Wenn wir all diese Dinge wissen, dann gelingt es uns vielleicht zu verstehen, dass auch unsere Eltern, so wie wir selbst immer ihr bestes gegeben haben. So gut sie es eben wussten und konnten. Das erleichtert es ungemein den Eltern zu vergeben oder zu verzeihen. Niemand ist perfekt und es steht jedem zu eben auch Fehler zu machen. Oft ist es sogar so, dass Eltern, die ihre Kinder wie beschrieben groß gezogen haben, dafür die großartigsten Großeltern sind. Das bedeutet auch sie sind mit dem Wandel der Zeit gegangen und wissen nun bei ihren Enkelkindern, wie sie es besser machen können. Hätten sie es eher gewusst, hätten sie es auch eher schon anders gemacht.

Und unter dem Aspekt dessen, was ich glaube ist es allerdings wirklich so, dass ich nicht nur verziehen habe, denn das tat ich schon vor vielen vielen Jahren. Ich denke heute, dass es nichts zu verzeihen gibt und dass alles genau so richtig ist. Wäre etwas anders gewesen, hätte ich vielleicht nicht diese Strategie der Emphatie entwickelt und damit auch nicht die Fähigkeit hinter die Masken und Rollen der Menschen sehen zu können. Dann wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin, wüsste nicht, was ich weiß und stünde nicht an dem Punkt, wo ich eben stehe. Ich bin dafür sehr dankbar, denn auf diese Weise habe ich gelernt, welche Schönheit im Leben verborgen liegt und welche Geschenke es uns macht. Alles ist ganz genau so gut, wie es ist.

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