Eine Geschichte zur Guten Nacht

Der Waldgeist

Es war einmal ein junger Mann namens Casper. Seine Eltern waren gestorben und so lebte er allein in einer kleinen Hütte am Waldrand. Dort hatte er ein warmes Lager und Essen fand er im Wald. Es war nicht viel, aber er war zufrieden damit.


Während eines besonders kalten und harten Winters wurde das Essen knapp. Da sprach er zu sich selbst: „Auf der anderen Seite des Waldes gibt es ein Dorf, da werde ich sicher Arbeit finden und meine schlimmste Not lindern können.“ Casper warf sich die einzige Wolldecke über, die er hatte und steckte seine Axt in den Gürtel. Nachdem er einen ganzen Tag gelaufen war, setzte er sich müde in den Schnee und sprach: „Der Weg ist so weit, den schaffe ich heute nimmermehr. Ich will ein Feuer anzünden, mich wärmen und ausruhen.“


So suchte er trockenes Holz für ein Feuer. Dabei kam er an einen gar wundersamen Baum. Der hatte auch im kalten Winter eine sommerbraune Rinde und kleine Knospen säumten die Zweige. „Ei, wie kann das sein?“, rief Casper aus und ging näher heran, um sich den Baum genauer zu besehen. Dieser war gewaltig, noch viel größer, als der Jüngling je einen gesehen hatte. „Hier will ich mein Nachtlager aufschlagen, der mächtige Stamm wird mir Schutz vor Wind und Wetter bieten.“ Er legte sein Bündel zwischen die Wurzeln und machte sich daran, ein Feuer zu entzünden, um nicht zu frieren.


„Halt!“, rief es gebieterisch aus dem Baum. „Wage es nicht, Feuer an meine Wurzeln zu legen!“
Casper sprang auf und ergriff seine Axt aus Angst, ein Räuber könnte hinter dem Stamme lauern.
„Lege die Axt nieder, niemand wird dir Leid zufügen“, sprach es wieder.
„Wer bist du? Zeige dich!“, rief der junge Mann. „Dann will ich entscheiden, was ich tue.“
„Ich bin der Geist des Waldes. Du bist in mein Herz gedrungen. Was suchst du hier? Willst du mich fällen? Ich verspreche dir, meine Wurzeln werden dich gefangen nehmen, dass du dich nie mehr rühren kannst. Wenn du Feuer an meinen Wurzeln legen willst, so werde ich meine Schwester die Nässe rufen, damit sie dich ertränke.“


„Nichts dergleichen, Geist. Ich suche nur ein Lager für die Nacht. Nie will ich dem Walde etwas zu leide tun.“
„So beweise es!“, raunte der Waldgeist. „Ich will dir drei Aufgaben stellen. Bestehst du sie, will ich dich rasten lassen und dir obendrein die Gabe des Waldes schenken.“
„Das will ich wagen“, sprach Casper und legte seine Axt zum Bündel.
„Bring mir den lebendigsten Zweig des Waldes und lege ihn in meine Wurzeln“, sprach es aus dem Baum heraus.


Der Jüngling ging umher, besah sich die kahlen Bäume, fand aber kein grünes Blatt, schon gar kein lebend Ästlein, wohin er auch blickte. Da ging er zurück und sprach: „Waldgeist, der Wald liegt im Winterschlaf, wo sollte ich da einen lebendigen Zweig finden?“ „Gut“, sprach der Geist. „Du bist klug. Damit ist die erste Aufgabe gelöst. Jetzt suche das gefährlichste Wesen in diesem Wald und bringe es zu mir.“


Und wieder suchte Casper. Er sprach zu sich: „Gefährlich ist so vieles: Bären, Wölfe, Greifvögel. Doch welches ist das wahre Untier? Er ging durch den Schnee, und als er sich einmal umblickte, entdeckte er nichts weiter als seine Fußspuren. Er überlegte, dann lief er zum Waldgeist zurück, neigte das Haupt und sprach: „Geist! Bären und Wölfe sind gewiss wild und gefährlich. Aber sie leben in Frieden mit der Welt. Die größte Gefahr für den Wald steht vor dir. Ich bin es selbst mit meiner Axt.“


„Ja!“, gab der Geist zurück. „So ist es! Die dritte Aufgabe soll dein Herz prüfen. Gehe von hier nach Norden, bis du eine Höhle siehst. Bezwinge die bösartige Bestie darin mit bloßen Händen und kehre zu mir zurück. Dann will ich dich rasten lassen und dir die Gabe des Waldes schenken.

Casper war nicht wohl dabei, doch er folgte dem Befehl des Waldgeists und schritt nach Norden, bis er an eine Höhle gelangte. Als er sie betrat, umfing ihn nichts als Finsternis. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Doch kaum war der Jüngling fünf Schritte in die Höhle gegangen, spürte er, wie sich aus den Tiefen etwas näherte.


Plötzlich sah er sich einem Monstrum gegenüber. Doppelt so groß wie er selbst und viermal so breit kam es auf ihn zu, doch ohne jeden Argwohn in den großen, fragenden Augen.
„Der sieht aus wie ein zu groß geratenes Kuscheltier“, ging es dem jungen Mann durch den Kopf und er musste unwillkürlich grinsen. „ Warum sollte ich ihn töten? Nur weil er nicht wunderschön ist? Und als bösartig kann man ihn wohl in keinem Fall bezeichnen.“


Auf einmal erfüllte ein schwaches Leuchten den Raum. Aus der Brust des Monsters löste sich etwas heraus, kleiner noch als eine Hand. Es schwebte auf den Jüngling zu und setzte sich auf dessen Brust. Casper war versucht, es wegzuschlagen, konnte sich jedoch kaum rühren, als er in das liebliche Antlitz einer geflügelten Elfe Blickte. „Du hast ein gutes Herz, Jüngling“, sagte sie. Dann war sie verschwunden und mit ihr das Ungetüm.


Verwirrt lief der junge Mann zum Waldgeist zurück. Was er hier sah, konnte er kaum glauben. Auf einem der unteren Zweige saß die kleine Elfe. Sie lächelte ihm ins Gesicht, schlüpfte geschwind in eine Knospe des Baumes und war abermals verschwunden.
„Nun!“, sprach der Geist. „Du hast Verstand, Mut und ein gutes Herz bewiesen, du bist der Gabe des Waldes würdig.“


Die Knospen des Baumes brachen urplötzlich auf. Mitten im Winterwald stand ein Baum, dessen grüne, prächtig belaubte Krone rauschte, als würde ein Sommerwind hindurch blasen. Ein einzelnes Blatt fiel langsam herab und landete auf der Schulter des Jünglings.


„Dieses Blatt des Lebens sei meine Gabe an dich“, sprach der Waldgeist. „Was immer krank oder verletzt ist, das wird genesen, sobald du es damit berührst!“ Casper bedankte sich herzlich, ruhte aus und wanderte am nächsten Tag weiter zum Dorf. Fortan blieb er dort und heilte alle Kranken. So war er bald als Arzt ein gefragter und reicher Mann, der eines Tages eine Frau heilte, deren Antlitz der Fee sehr ähnelte und schon war er auch der glücklichste Mann auf der ganzen Welt.

Verfasser unbekannt

gefunden auf www.maerchenbasar.de

4 Comments on “Eine Geschichte zur Guten Nacht

  1. Wahrlich, ein sehr schönes Märchen. Auch wenn ich mir Elfen zumeist eher klassisch vorstelle, wie in Tolkien seinem Mittelerde-Zyklus, also wie die Elben, ist so eine kleine geflügelte Fee eine willkommene Abwechslung für mein übliches Fantasy-Universum.

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  2. Pingback: Wintergedichte und Geschichten – Die Natur und Ihre Wunder

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