-Der Hexenbaum-

Vor langer, langer Zeit, als die Tiere sprechen und die Menschen sie verstehen konnten, als im Wald Hexen lebten und es noch Wunder gab, wohnten zwei Familien in armseligen Hütten am Waldrand.
Die beiden ältesten Kinder der Familien, Susanna und Johann, wuchsen wie Geschwister miteinander auf. Sie verbrachten die Tage zusammen und halfen ihren Eltern, wo sie nur konnten. So schöpften sie im nahe gelegenen Bach frisches Trinkwasser, passten auf die jüngeren Geschwister auf, sammelten Pilze, Beeren und Kräuter, um die kargen Mahlzeiten zu bereichern, und suchten Feuerholz.

Oft drangen die beiden Kinder dabei tief in den Wald ein. Sie kannten sich gut aus und hatten keine Furcht. Gern liefen sie dabei zu ihrem Lieblingsort, dem Hexenbaum. Das war eine gewaltige, alte Buche, deren Stamm so dick war, dass es sicher mehr als zehn Kinder gebraucht hätte, ihn zu umfangen.

Susanna und Johann saßen gerne im Schatten der grünen Krone und teilten das Stückchen Brot, welches sie als Wegzehrung mitbekommen hatten. Häufig verbrachten sie ihre Zeit auch damit, die knorrige Baumrinde anzusehen und immer neue Gestalten in ihr zu entdecken. Mal sahen sie ein Reh, dann wieder war es ein Eichhörnchen oder eines von ihnen entdeckte gar einen Wolf oder einen Adler. Manchmal träumten sie davon, dass in einem geheimen Versteck im Stamm oder unter den Wurzeln ein Schatz verborgen sei.

Eine Stelle jedoch betrachteten sie immer sofort, wenn sie zum Baum kamen. Es war ein Hexengesicht in der Rinde, welches der Buche ihren Namen gegeben hatte. Ganz deutlich zu erkennen waren die lange, gebogene Nase, das vorspringende Kinn, die verschmitzten Augen und über allem ein spitzer, nach vorne gewölbter Hut. Die Kinder streichelten jedes Mal zur Begrüßung die runzligen Wangen der Alten und sagten ein paar freundliche Worte, bevor sie unter dem Baum zu spielen begannen.

Eines Tages passierte etwas, das die Geschicke der zwei armen Familien zum Guten wandte, den beiden Kindern jedoch als unfassbares Unglück erschien: Beide Väter fanden Arbeit, welche die Familien jedoch zwang, vom Waldrand fortzuziehen. Susannas Vater hatte sich in einem Dorf weiter nördlich bei einem reichen Bauern verdingt, während Johanns Vater bei einem Schuhmacher im Süden arbeiten sollte.

Die Kinder saßen am Tag des Abschieds weinend in den ausladenden Ästen des Hexenbaumes und hielten einander an den Händen.
„Was sollen wir nur machen?“, fragte Susanna, „Wir werden uns sicher nie wiedersehen!“
Da hörten sie ein Raunen, das aus dem Baum zu kommen schien: „Heute in zehn Jahren! Heute in zehn Jahren!“

Erstaunt blickten die Kinder sich an. War das die Stimme ihrer Freundin, der Hexe?
„Ja, das ist es!“, rief Johann, „Heute in genau zehn Jahren, am Mittsommertag, wollen wir uns hier am Hexenbaum treffen!“ Susanna willigte, ohne zu zögern, ein: „Unter der alten Buche werden wir uns wiedersehen! Und nur der Tod kann uns daran hindern!“ Gleich war beiden Kindern leichter ums Herz, doch keines von ihnen bemerkte das Schmunzeln im Hexengesicht.

Solchermaßen getröstet zogen sie mit ihren Familien in entgegengesetzte Richtungen fort.

Die Jahre gingen ins Land. Susanna wuchs zu einer schönen, jungen Frau heran, die so mancher Jüngling gern zu seiner Braut genommen hätte. Sie allerdings wies einen jeden freundlich, aber bestimmt zurück.

Sie erlernte das Schneiderhandwerk und arbeitete fleißig. Darüber vergaß sie jedoch nicht die Abmachung mit Johann und zählte erst die Jahre, dann die Monate und Wochen und schließlich voller Ungeduld die Tage.

Johann war zu einem stattlichen jungen Mann geworden, der bei einem Schmied in die Lehre gegangen war und jeden Tag schwer arbeitete. So manches Mädchen am Ort machte sich Hoffnungen darauf, seine Beachtung zu erheischen, aber er ging nur mit höflichem Gruß an ihnen vorbei. Auch er achtete sorgfältig auf die dahinschwindenden Jahre, wollte er doch den Tag nicht versäumen, an dem er zum Hexenbaum aufbrechen musste.

Als die Zeit endlich gekommen war, schnürte Susanna ihr Bündel und machte sich auf den Weg. Sie würde mehrere Tage wandern müssen, ohne allzu oft Rast machen zu können.
Frohgemut durchschritt sie Wiesen, Felder, Dörfer und Städtchen und schlief nachts unter Bäumen oder in Scheunen freundlicher Bauern. Je näher sie dem Wald kam, desto mehr klopfte ihr Herz, wenn sie an die bevorstehende Begegnung dachte. Gleichzeitig fragte sie sich beklommen, ob ihr Freund aus Kindertagen sich an die Abmachung erinnerte.

Am vorletzten Tag aber, als sie durch einen kleinen Wald ging, hörte sie eine Stimme, die kläglich um Hilfe rief. Ohne zu zögern, lief das Mädchen vom Weg ab, um zu helfen. Sie fand einen alten Mann, der mit dem Fuß in einen Kaninchenbau geraten war und sich nicht allein befreien konnte. Susanna grub vorsichtig seinen Fuß aus dem Loch, machte ihm einen kühlenden Umschlag um den geschwollenen Knöchel und stützte ihn auf dem Weg zu seinem Dorf, in dem sie selbst die vergangene Nacht verbracht hatte.

Sie half ihm in sein Bett, bereitete ihm eine Mahlzeit und sorgte dafür, dass Nachbarn sich um den Alten kümmerten, bis er wieder selbst laufen konnte. Darüber war es Nacht geworden und sie musste wohl oder übel im Dorf bleiben, bis der nächste Tag dämmerte.
Als sie sich endlich wieder auf den Weg zum Hexenbaum machte, hatte sie viel Zeit verloren. Obwohl sie so schnell lief, wie sie nur vermochte, wusste sie doch, dass sie nicht rechtzeitig dort ankommen konnte. Tränen liefen dem Mädchen über das Gesicht – würde Johann sie nun doch für tot halten!

Auch Johann hatte sich guter Dinge auf den Weg gemacht. Er schritt kräftig aus und kam gut voran. Wie Susanna musste auch er mehrere Tage wandern.
Kurz vor dem Ziel traf er auf ein altes Mütterchen, das sich mit einem großen, schweren Bündel Feuerholz abmühte. Die Alte bat Johann um Hilfe. Der zögerte nicht, schulterte das Holz und trug es zur Hütte der Alten, die einen halben Tagesmarsch in die Richtung lag, aus der er gerade gekommen war. Als er sich endlich wieder auf seinen Weg machte, hatte er einen ganzen Tag verloren. Es wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er nun zu spät zum Treffpunkt kommen würde und Susanna glauben musste, er sei nicht mehr am Leben.

Susanna ließ sich durch ihre trüben Gedanken nicht aufhalten und eilte so schnell weiter, wie ihre Füße sie trugen, wohl wissend, dass sie ihr Ziel nicht rechtzeitig erreichen konnte. Da vernahm sie ein Rauschen in der Luft. Ohne ihre Schritte zu verlangsamen, sah sie auf und erblickte einen Besen, der geradewegs auf sie zuflog. „Steig auf!“, raunte er. Sie glaubte zwar ihren Augen und Ohren nicht zu trauen, tat aber, wie ihr geheißen war. Es gab schließlich nichts mehr zu verlieren. Schon hob der Besen ab und sauste durch die Luft, dass ihr Hören und Sehen vergingen.

Gleichermaßen erging es Johann. Auch er beeilte sich gegen besseres Wissen, doch noch zum Ziel zu gelangen. Als auch ihn ein Besen erreichte und zum Aufsteigen aufforderte, ließ er sich nicht zweimal bitten. So flog auch er geschwind seinem Ziel entgegen.

Gleichzeitig trafen sie unter der alten Buche ein. Ungläubig, doch noch am rechten Tag angekommen zu sein, sahen sie einander an und fielen sich dann um den Hals. Sie herzten und küssten sich, bevor sie sich gegenseitig ihre Reisegeschichte erzählten. Beide wussten sofort, wer ihnen geholfen und die Hexenbesen geschickt hatte.
Die alte Hexe war noch am selben Platz, nur bemerkten die beiden jungen Leute eine Veränderung: Ein zufriedenes Lächeln hatte sich über ihrem Gesicht ausgebreitet. Sie bedankten sich bei der Alten und küssten ein übers andere Mal ihr runzliges Rindengesicht.

Als Susanna und Johann wie in alten Zeiten unter dem Baum saßen und die Reste ihrer Wegzehrung teilten, kam ein Wind auf und blies durch die Buchenblätter.
„Hörst du das auch?“, flüsterte Susanna plötzlich. Johann lauschte und richtig, er konnte im Rauschen ebenfalls eine leise, aber deutliche Stimme vernehmen: „Sucht unter den Wurzeln! Mein Hut soll euch den Platz weisen!“
Die beiden sprangen auf. Ihre Freundin, die Hexe, hatte zu ihnen gesprochen!

Sofort gruben sie die Erde unter dem Hexengesicht auf und stießen nach kurzer Zeit auf eine kleine Kiste. Aufgeregt öffneten sie den Deckel. „Das ist der Schatz, von dem wir als Kinder immer geträumt haben!“, raunte Johann. „Die Hexe hat ihn uns geschenkt!“

Susanna und Johann bauten sich von dem neuen Reichtum ein Häuschen ganz in der Nähe ihrer alten Freundin, der sie fortan jeden Sonntag einen Besuch abstatteten, zunächst zu zweit, später mit ihrer wachsenden Kinderschar.

Susanna und Johann leben inzwischen schon längst nicht mehr, aber die alte Buche steht weiterhin an ihrem Platz und die Hexe erfreut sich auch heute noch am Besuch vieler Kinder, die unter den Ästen des Baumes spielen, sich Geschichten erzählen, den Baum umarmen und lachend dem runzligen, freundlichen Rindengesicht zuwinken.

Quelle: Abingdon

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