Gundermann und Gunderfrau

Gundermann und Gunderfrau

Ein Gelegenheits-Märchen von Susanne Wolf, das sich sehr über weitere Verbreitung von
jedermann freut.

Früher war alles ganz anders. Gundermann und Gunderfrau residierten in einem Garten und waren sich selbst genug. Genauer gesagt, lebten sie unter einem Fliederstrauch,
erzählten sich Geschichten, freuten sich, wenn Hummeln zu Besuch kamen, hatten ein nettes Verhältnis zur Nachbarschaft und ließen es sich wohl sein.

Eines Tages nun war ein Blumenelf zu Gast und erzählte von der weiten Welt. Vom Murmelbächlein und von der großen bunten Wiese; vom Wald und von der wilden Hecke.
Gundermann wurde es ganz heiß und kalt. Das alles wollte er gerne selbst sehen. Es erwuchs eine mächtige Sehnsucht in ihm. Als fest verwurzelte Pflanze tut man sich nicht so leicht mit dem Wandern, aber Träumen kann man ja schließlich.

Und Gunderfrau? Sie brächte es einfach nicht fertig, ihr heimeliges Fleckchen zu verlassen und mochte sich nicht einmal an seinen Träumereien beteiligen! Beiden wurde ganz weh ums Herz, liebten sie sich doch innig! Gunderfrau wollte ihren Mann behalten, aber ihn doch nicht an der Erfüllung seiner Wünsche hindern.


Gundermann wollte zwar fort, aber am liebsten gemeinsam mit seiner Gattin. Was für ein Dilemma! Es gab auch öfter Streit. Unter dem Fliederbusch war es nicht mehr so recht gemütlich.


Als der Blumenelf (ein echter Harmoniesüchtiger), mal wieder vorbeikam, sah er, was los war, und wurde traurig. Zuhause bei der Blumenfee erzählte er, was er angerichtet hatte. Und die Blumenfee wusste Rat!

Gundermann sollte reisen und doch gleichzeitig daheim bleiben. Mit goldenem Zauberstaub überstäubte die Fee den Gundermann eines Nachts im Frühling. Während Gundermann sonst im Frühling nur breit und dick wurde, spürte er diesmal eine eigenartige und andersartige Wachstumsregung.

Aus dem Blätterhorst wuchsen lange Triebe, die sich vorwärts schoben, wurzelten, daraus wieder vorwärts schoben, wurzelten und so weiter.

Ehe Gundermann sich recht versah, war er bis zum Apfelbaum, zum Zaun, zum Bach, zur Wiese gewandert und konnte nun nach Herzenslust alle Herrlichkeiten der großen, weiten Welt besichtigen und doch auch daheim bei seiner Frau bleiben und es sich gut gehen lassen.
Im Laufe der Zeit lösten sich viele der „Ableger“ von der Vaterpflanze und wurden selbstständig, um weiter und weiter zu wandern.

Der alte Gundermann und seine Frau gerieten bei den Ablegern in Vergessenheit und die jungen Gundermänner waren ständig auf Wanderschaft.

Sie sind nun überall zu finden, ständig auf der Suche. Wonach sie suchen, wissen sie nicht. Irgendwo in ihrem Inneren spüren sie eine unbestimmte Sehnsucht. Jedes Frühjahr gehen sie erneut auf Wanderschaft: zum Murmelbächlein, zur großen bunten Wiese, zum Wald und
zur wilden Hecke.

Und wir schauen unter jeden Fliederstrauch, würden wir doch zu gerne einmal eine Gunderfrau sehen!

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