Märchen

Die wunderbare Birke.

(Aus Russisch-Karelen.)

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten eine einzige Tochter. Da geschah es, dass sich eines Tages eins ihrer Schafe verirrte, und sie gingen hin es zu suchen. Sie suchten und suchten, jedes an einer anderen Seite des Waldes. Da kam eine Hexe der Frau entgegen und sagte: »Spuckst du, Elende, in meine Messerscheide; gehst du mir mitten durch die Beine, so verwandle ich dich in ein schwarzes Schaf!« Das Weib spie nicht und ging ihr auch nicht durch die Beine, aber die Hexe verwandelte sie doch in ein Schaf. Sie selber nahm des Weibes Gestalt an und rief dem Manne zu: »Alter hoi! hoi! Alter! Ich habe schon das Schaf gefunden!« Der Mann glaubte, sie sei in der Tat sein Weib, und ging mit ihr nach Hause, frohen Sinnes, dass er sein Schaf wiedergefunden hatte.

 Als sie daheim waren, sagte die Hexe zum Manne: »Alterchen, jetzt müssen wir wohl dieses Schaf schlachten, damit es nicht wieder in den Wald läuft.« Der Mann, der ein friedliebender, sanfter Geselle war, widersetzte sich dem nicht, sondern sagte nur: »Gut, lass uns das tun.« Aber die Tochter hatte ihre Reden gehört, lief zur Schafherde und klagte: »O Mütterchen, man will dich schlachten!« – »Nun, wenn sie mich schlachten«, erwiderte das schwarze Schaf dem Mädchen, »dann sollst du von mir weder die Fleischbrühe noch das Fleisch essen, sondern alle meine Knochen sammeln und am Feldrain begraben.«

Kurze Zeit darauf führte man das schwarze Schaf aus der Herde und schlachtete es. Die Hexe kochte daraus eine Erbsensuppe und setzte sie der Tochter vor. Aber diese gedachte der Mutter Warnung; sie aß nicht von der Brühe, sondern trug die Knochen an den Feldrain und begrub sie dort; und es wuchs eine Birke, eine wunderschöne Birke, aus ihnen heraus.

Einige Zeit war seitdem verstrichen, wer weiß wie lange sie so gelebt haben mochten – die Hexe hatte mittlerweile ein Kind geboren –, da fing sie an der Tochter des Mannes gram zu werden und diese auf alle Weise zu peinigen. Da geschah es, dass auf dem Königsschlosse ein großes Fest gefeiert wurde, und der König ließ alles Volk dazu einladen und verkünden:

»Kommt, ihr Elenden und Armen,

Kommt, ihr Lahmen angeritten,

Kommt, ihr Blinden all‘ im Nachen!«

Und man trieb alle Verstoßenen, Gebrechlichen und Blinden zu des Königs Festmahl zusammen. Auch in des Mannes Hause machte man sich bereit hinzugehen. Die Hexe sagte zum Manne: »Alter, geh du voraus mit der Jüngsten; ich will der älteren Tochter Arbeit geben, damit der Einsamen die Zeit nicht lang werde.« Der Mann nahm das Kind und ging voraus; aber die Hexe heizte den Herd, warf einen Topf voll Gerste in die Asche und sagte zum Mädchen: »Wenn du nicht bis zum Abend die Gerste aus der Asche in den Topf gesammelt hast, werde ich dich fressen!« Dann eilte sie den Andern nach, und das arme Mädchen blieb weinend zu Hause.

Sie versuchte wohl die Gerstenkörner zu sammeln, sah jedoch bald das Vergebliche ihrer Arbeit ein; da ging sie in ihrem Kummer zur Birke auf ihrer Mutter Grabe und weinte dort, weinte, dass ihre Mutter tot im Schoße der Erde ruhe und nicht mehr ihrem armen Kinde helfen könne. Mitten in ihrem Leide hörte sie plötzlich die Stimme ihrer Mutter aus dem Grabe, welche fragte: »Warum weinst du, mein Töchterlein?« – »Die Hexe hat Gerste in den Herd geschüttet und mir befohlen sie herauszusuchen«, sagte das Mädchen; »darüber weine ich, lieb Mütterlein!« »Weine nicht!« tröstete die Mutter. »Brich einen Zweig von mir ab und schlage damit ins Kreuz über den Herd, dann ist alles in Ordnung.« Das Mädchen tat also wie ihr geheißen ward. Sie schlug den Herd mit dem Birkenzweige: alsbald flogen die Gerstenkörner in den Topf, und der Herd ward rein. Darauf ging das Mädchen wieder zur Birke und legte den Zweig auf das Grab nieder. Die Mutter hieß sie dann an der einen Seite des Stammes sich baden, an der andern sich abspülen, und an der dritten Seite sich ankleiden. Als das Mädchen das alles getan hatte, war sie so schön geworden, dass es auf Erden keine Schönere gab.

Sie erhielt herrliche Kleider und ein Ross, dessen Haar zum Theil golden, zum Theil silbern, zum Theil noch kostbarer war. Das Mädchen schwang sich auf den Rücken des Pferdes und ritt pfeilschnell zum Königschloss. Als sie in den Schlosshof einbog, kam ihr schon der Königssohn entgegen, band ihr Ross an einen Pfeiler und führte das Mädchen hinein. Sie ging stets an seiner Seite durch die Schlossgemächer, und alles Volk schaute sie an und staunte, wer und aus welchem Schlosse die wunderschöne Maid sei; aber keiner kannte sie, keiner wusste was von ihr. Beim Festmahl lud sie der Königssohn ein, neben ihm am obersten Ende der Tafel zu sitzen; aber die Tochter der Hexe nagte an den Knochen unter dem Tische. Der Königssohn sah sie nicht und dachte, es sei dort ein Hund; er gab ihr einen Fußtritt, dass ihr der Arm zerbrach.

Gegen Abend dachte des Mannes Tochter an die Heimkehr; aber da der Königssohn die Türklinke mit Teer hatte einschmieren lassen, blieb des Mädchens Ring daran hängen. Sie gab sich nicht Zeit ihn abzulösen, sondern band eilig ihr Pferd vom Pfeiler und ritt pfeilgeschwind über die Mauern des Schlosses hinweg. Zu Hause angelangt, legte sie ihre Kleider an der Birke ab, ließ ihr Pferd dort stehen und eilte schnell hinter ihren Ofen. Da kamen auch der Mann und die Frau nach Hause, und die Hexe sagte zum Mädchen: »Ach du armes Ding, da bist du ja; du hast nichts davon gesehen, welch ein Leben wir im Königsschlosse geführt haben! Der Königssohn hat meine Tochter herumgetragen, dabei ist dies arme Wesen heruntergefallen und hat sich den Arm gebrochen!« Das Mädchen wusste wohl wie sich die Sache verhielt, aber sie tat, als wisse sie von nichts, und saß stumm hinter dem Ofen.

Am andern Tage wurden sie wieder zu des Königs Gastmahl geladen. »Hoi Alter!« sagte die Hexe, »zieh dich geschwind an, wir sind zu des Königs Fest gebeten. Nimm das Kind, ich will der Andern Arbeit geben, dass ihr die Zeit nicht lang werde.« Sie heizte den Herd, warf einen Topf voll Hanfsamen in die Asche und sagte zum Mädchen: »Wenn du dies nicht in Ordnung bringst, die Samen alle in den Topf, werde ich dich töten!« – Das Mädchen weinte bitterlich; dann ging sie zur Birke, wusch sich an der einen Seite derselben, spülte sich an der andern und erhielt noch schönere Kleider und ein prachtvolles Pferd. Von der Birke brach sie einen Zweig ab, schlug damit den Herd, dass die Samen in den Topf flogen, und eilte dann ins Schloss. Wieder kam ihr der Königssohn entgegen, band ihr Pferd an einen Pfeiler und führte sie in die Festhallen. Beim Mahle saß das Mädchen neben ihm am obersten Ende der Tafel, wie gestern; aber die Tochter der Hexe nagte an Knöchelchen unter dem Tische. Da stieß ihr der Königssohn aus Versehen ein Bein entzwei; er hatte sie gar nicht bemerkt, da sie sich unter den Füssen der Leute herumtrieb.

Des Mannes Tochter eilte wieder zeitig heim; aber der Königssohn hatte die Türpfosten mit Teer bestrichen, und des Mädchens goldener Haarreif blieb daran hängen. Sie konnte ihn nicht mehr suchen, sondern schwang sich auf ihr Pferd und ritt pfeilgeschwind zur Birke. Dort ließ sie ihr Ross und ihre Kleider und sagte zur Mutter: »Ich habe im Schlosse meinen Goldreif verloren; die Türpfosten waren geteert, da blieb er daran kleben!« – »Und wenn du zwei verloren hättest,« antwortete die Mutter, »ich würde dir schönere schenken!« – Nun eilte das Mädchen nach Hause, und als der Vater mit der Hexe vom Fest heimkehrte, saß sie bereits hinter dem Ofen. Da sagte ihr die Hexe: »Du Arme! was siehst du hier, und was haben wir im Königsschlosse gesehen! Der Königssohn hat meine Tochter aus einem Gemach in das andere getragen; freilich hat er sie dabei fallen lassen, und mein Kind hat sich den Fuß gebrochen!« – Des Mannes Tochter schwieg zu allem still und machte sich am Herde zu schaffen.

Die Nacht verging, und als es tagte, weckte die Hexe ihren Mann und sagte: »Ach Alter, stehe auf! man hat uns zum Königsmahl eingeladen.« Nun, der Alte stand auf. Da gab ihm die Hexe ihr Kind und sagte: »Nimm das Töchterchen; der andern gebe ich Arbeit, sonst wird der Einsamen die Zeit zu lang werden.« Sie tat wie sonst auch; diesmal schüttete sie ein Gefäß voll Milch in die Asche und sagte: »Wenn du dieses nicht bis zu meiner Rückkehr in Ordnung hast, dass die Milch wieder im Topfe steht, wird es dir schlecht ergehen!« – Was sollte dem Mädchen jetzt noch Angst sein? Sie ging zur Birke, durch deren Zauberkraft sie ihre Arbeit zu Stande brachte, und ritt dann ins Schloss wie früher. Als sie in den Schlosshof kam, harrte der Königssohn ihrer schon und führte sie hinein.

Da wurde sie wieder hoch geehrt; doch der Hexe Tochter sog an den Knochen unter dem Tische, wobei ihr ein Auge ausgestoßen wurde, da sie sich unter der Leute Füssen herumtrieb. Des Mannes Tochter kannte auch jetzt Niemand, man wusste nicht, woher sie war; aber der Königssohn hatte die Türschwelle mit Teer anstreichen lassen, und auf der Flucht blieben dem schönen Mädchen die Goldschuhe daran kleben. Das Mädchen kam zur Birke, kleidete sich dort aus und sagte: »Ach Mütterlein, ich habe meine Goldschuhe verloren!« – »Mögen sie verloren sein!« meinte die Mutter; »wenn du welche brauchst, gebe ich dir schönere.« – Kaum saß das Mädchen wieder hinter dem Ofen, als auch schon der Vater mit der Hexe nach Hause kam. Alsbald fing die Hexe an das Mädchen zu höhnen und sagte: »Ach du Ärmste! was siehst du hier, und was sahen wir im Königsschlosse! – Mein Töchterlein wurde wieder herumgetragen, fiel aber so unglücklich dabei, dass ihr das Auge ausgestoßen wurde. Du hier, du dummes Ding, du weißt freilich von gar nichts!« – »Ja, was sollte ich auch wissen?« erwiderte das Mädchen. »Das Säubern des Herdes gab mir Arbeit genug.«

Der Königssohn hatte die Sachen, welche das schöne Mädchen verloren, aufbewahrt, und suchte nun eifrig die Eigentümerin derselben auszukundschaften. Zu diesem Zweck wurde auch am vierten Tage ein Großes Gastmahl gehalten und alles Volk auf das Königsschloss geladen. Auch die Hexe machte sich dazu bereit: ihrem Töchterlein band sie einen Wäscheklopfer an Stelle des Fußes, ein Kuchenholz anstatt des Armes an, ein Stückchen Pferdemist stopfte sie in die leere Augenhöhle, und ging mit ihr ins Schloss. Als alles Volk dort versammelt war, trat der Königssohn mitten unter den Haufen und sagte: »Welchem Mädchen dieser Ring an den Finger, dieser Reif um das Haupt geht und diese Schuhe an die Füße passen, die soll meine Braut sein!« – Nun wurde anprobiert und immer wieder anprobiert; aber keiner passten sie. – »Das Aschenbrödel ist nicht mitgekommen,« sagte endlich der Königssohn; »holt auch sie herbei, dass sie die Sachen versuche.« Da wurde das Aschenbrödel geholt, und der Königssohn wollte ihr die Schmucksachen reichen; aber die Hexe hielt ihn zurück und sagte:

»Gib sie nicht der, die alles mit Asche verunreinigt; gib sie lieber meiner Tochter!« – Nun, der Königssohn gab der Hexentochter den Ring; da feilte und schnitt die Frau den Finger ihrer Tochter so lange, bis der Ring ihr passte. Ebenso geschah es mit dem Goldreif und den Goldschuhen. Die Hexe ließ es nicht zu, dass sie dem Aschenbrödel gereicht wurden; sie schabte und schnitzelte am Kopf und an den Füssen ihrer eigenen Tochter herum, bis sie ihr die Sachen an zwängte. – Was war dabei zu tun? – Der Königssohn musste wohl oder übel die Hexentochter zur Braut nehmen; er schlich jedoch mit ihr in das Haus ihres Vaters, denn er schämte sich mit einer so seltsam gestalteten Braut die Hochzeit im Königsschlosse zu feiern. Es vergingen einige Tage, da musste er doch endlich die Braut in sein Schloss führen und machte sich dazu bereit. Sie waren eben beim Abschiednehmen, als das Aschenbrödel, unter dem Vorwand in den Viehstall zu müssen, vom Ofen herabsprang, und im Vorbeigehen dem Königssohne, der auf dem Hofe stand, zuraunte: »Ach du lieber Königssohn! Nimm mir nicht mein Gold, mein Silber!« Da erkannte der Königssohn das Aschenbrödel; er nahm nun beide Mädchen mit und machte sich mit ihnen auf den Weg. Nachdem sie eine Weile gewandert waren, kamen sie an einen Fluss; der Königssohn warf schnell die Hexentochter als Brücke darüber und ging mit dem Aschenbrödel über dieselbe hinweg. – Da lag nun die Hexentochter als Brücke über dem Flusse und konnte sich nicht rühren, wenn sich ihr auch das Herz vor Leid verzehrte. Da sie nirgends eine Hülfe erblickte, sagte sie zuletzt in ihrem Jammer: »Es wachse ein goldener Schierling aus meinem Nabel heraus, vielleicht erkennt mich meine Mutter an dem Zeichen!« Alsbald erhob sich eine goldene Schierlingsstaude aus ihr und stand auf der Brücke.

Nun, da der Königssohn die Hexentochter los war, begrüßte er das Aschenbrödel als seine Braut, und beide wanderten zur Birke, die auf dem Grabe wuchs. Dort erhielten sie allerlei Schätze und Reichtümer, drei Lasten voll Gold und ebenso viel Silber und ein schönes, herrliches Pferd, mit dem sie zum Königsschloss heimkehrten. – Dort lebten sie längere Zeit zusammen, da gebar das junge Weib dem Königssohne ein Kind. Alsbald wurde der Hexe erzählt, dass die Tochter einen Sohn bekommen habe: Alle glaubten nämlich, dass die Hexentochter die Gemahlin des jungen Königs sei. »Ei,« meinte die Hexe, »ich muss doch dem Kinde die Zahngabe bringen!«

Damit machte sie sich auf den Weg. So kam sie denn an den Fluss und sah den schönen, goldenen Schierling mitten auf der Brücke stehen; da fing sie an ihn zu schneiden, um ihn dem Enkel mitzubringen; aber plötzlich ertönte eine Stimme, welche klagend rief: »Ach, Mütterchen, schneide mir nicht den Nabel ab!« – »Bist du hier?« forschte die Hexe. »Ja hier, mein Mütterlein!« antwortete die Tochter. »Man hat mich als Brücke über den Fluss geworfen!« – Schnell zertrümmerte die Hexe die Brücke, dass nur Splitter übrig blieben, und eilte ins Königsschloss. Als sie an das Bett der jungen Königin trat, fing sie gleich an sie zu beschwören und sagte: »Speie, du Elende, in meine Messerschneide, verhexe mir die Messerschneide, dann verwandele ich dich in eine Rentierkuh des Waldes!« – »Bist du schon wieder da, um mir Leid zuzufügen?« sagte das junge Weib. Sie spie nicht und tat auch nichts weiter, aber die Hexe verwandelte sie doch in ein Rentier und schob ihre eigene Tochter dem Königssohne als Gemahlin unter. – Nun ward aber das Kind unruhig und schrie, weil es keine Milch mehr bekam.

Man brachte es auf den Hof und suchte es auf alle nur denkbare Weise zu beschwichtigen; aber es weinte unaufhörlich. – »Was ist mit dem Kinde, dass es so ruhelos ist?« fragte der Königssohn und ging zu einer weisen Wittfrau, um bei ihr Rat zu holen. – »Ei, dein eigenes Weib ist nicht daheim,« sprach die Wittwe, »sie lebt als Rentier im Walde; die Hexentochter hast du jetzt zum Weibe und die Hexe selber zur Schwiegermutter.« – »Kann ich denn auf keine Weise mein eignes Weib aus dem Walde zurückerhalten?« fragte der Königssohn. – »Gib mir dein Kind«, antwortete die Wittfrau; »morgen will ich es mitnehmen, wenn ich die Kühe in den Wald treibe; dort will ich mit den Espenblättern rascheln, mit den Birkenblättern ruscheln, vielleicht wird der Knabe ruhig, wenn er sich das ansieht.« – »Ja, hole das Kind ab, nimm es mit in den Wald, dass es still werde«, sagte der Königssohn und führte die Wittfrau ins Schloss. »Wie, in den Wald willst du das Kind schicken?« sagte die Hexe misstrauisch und wollte es nicht zugeben; aber der Königssohn beharrte bei seinem Befehl. Er sagte: »Geh mit dem Kinde im Walde herum, vielleicht beruhigt es sich dabei.«

Da brachte die Wittfrau das Kind in den Wald. Sie kam an ein Moor und gewahrte dort eine Rentierherde; schnell fing sie an zu singen:

»Blauäuglein, Rothfellchen!

Komm den eignen Sohn zu säugen,

Nähre, den du selbst geboren!

Nimmer isst er von der Menschenfresserin,

Nimmer trinkt er von der Blutsaugerin;

Leckt nicht mal an ihren Brüsten,

Selbst nach einem Stoße nicht!«

Alsbald kam die Rentierkuh heran, säugte und pflegte das Kind den Tag über; am Abend musste sie der Herde folgen und sagte zur Wittfrau: »Bringe mir morgen das Kind und dann noch einmal am folgenden Tage, dann muss ich mit der Herde weit fort in andre Länder ziehen.«

Am nächsten Morgen ging die Wittfrau wieder ins Schloss, um das Kind abzuholen. Die Hexe widersetzte sich dem wohl, aber der Königssohn sagte: »Nimm es nur und geh mit ihm draußen herum. Der Knabe ist des Nachts doch ruhiger, wenn er Tags über im Walde ist.« – Da nahm die Wittfrau das Kind auf den Arm und brachte es zum Wald Moor. Dort sang sie wie gestern:

»Blauäuglein, Rothfellchen!

Komm den eignen Sohn zu säugen,
Nähre, den du selbst geboren.

Nimmer isst er von der Menschenfresserin,

Nimmer trinkt er von der Blutsaugerin;

Leckt nicht mal an ihren Brüsten,

Selbst nach einem Stoße nicht.«

Bald trat auch die Rentierkuh aus der Herde her aus zum Kinde und säugte es wie Tags zuvor. Davon gedieh das Kind, dass es schön ward wie kein zweites. – Aber der Königssohn sann immer nach und sagte zur Wittfrau: »Gibt es denn kein Mittel das Rentier wieder in einen Menschen zu verwandeln?« – »Ich weiß nicht recht«, antwortete die Wittfrau. »Komm jedenfalls mit mir in den Wald. Wenn die Frau die Rentierhaut ablegt, will ich ihr den Kopf absuchen; während der Zeit magst du die Haut verbrennen.« – Darauf gingen die Beiden mit dem Kinde in den Wald; kaum waren sie dort, als auch die Rentierkuh erschien und das Kind wie an den früheren Tagen säugte.

Da sagte ihr die Wittfrau: »Wenn du morgen weit fortziehst, werde ich dich nicht wiedersehen; lass mich dir zum Andenken ein letztes Mal den Kopf absuchen.« Gut, das junge Weib streifte die Rentierhaut ab und liess sich den Kopf von der Wittfrau reinigen. Während dessen warf der Königssohn die Rentierhaut heimlich ins Feuer. – »Was riecht hier nach Versengtem?« fragte das junge Weib, schaute sich um und erblickte ihren eigenen Gatten. »Weh, du hast meine Haut verbrannt! – Warum hast du das getan?« – »Um dich wieder zum Menschen zu wandeln.« – »Ach, nun bin ich Arme ganz nackt!« rief das junge Weib und verwandelte sich nacheinander in einen Spinnrocken, einen Wäscheklopfer, eine Spindel und was sonst noch sein mag. Aber der Königssohn zerstörte alle, diese Gestalten, bis sie wieder als Mensch vor ihm stand. – »Ach, warum willst du mich mitnehmen, da mich doch die Hexe fressen wird!« fragte das junge Weib. – »Sie wird dich nicht fressen«, antwortete ihr Gatte, und mit dem Kinde machten sie sich auf den Heimweg.

Als sie im Schlosse angelangt waren, sagte der Königssohn zu seinen Dienern; »Macht ein Feuer unter dem Bade in einer Tiefe von drei Ellen, füllt Teer in die Grube, breitet ein braunes Tuch darüber und blauen Filz über die Stufen.« Dann fragte er die Hexentochter: »Hast du nicht Lust ein Bad zu nehmen?« Sie glaubte, dass er aus Freundlichkeit also fragte, und ging mit ihrer Mutter hin. Sie kamen ins Bad, traten auf die braune Decke und fielen plötzlich beide mitten in das Feuer und den Teer, drei Ellen tief hinab. Noch einmal erhob die Hexe von dort aus den Finger, schlug auf die Erde und kreischte: »Es mögen Würmer auf die Erde kommen, Mücken in die Lüfte, den Menschen zur Qual und zum Schaden!« – So lang ist die Geschichte.

Quelle:

Schreck, Emmy: Finnische Märchen. Weimar: Hermann Böhlau, 1887, S. 63-74.

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